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Die folgenden Texte sind Auszüge aus dem Buch "Gottes letzter Diener" von Peter de Rosa. Ich hielt die Szenarien für so interessant, dass ich sie aus aktuellem Anlass meinen Lesern zugängig machen wollte. Weitere Information und eine Rezension des Buches findet sich in meinem Blog unter: Peter de Rosa: „Gottes letzter Diener“ Droemer-Knaur- Verlag, München 1998

Papst Patrick und die Vatikanbank IOR 

Gerüchte waren aufgekommen, nachdem Papst Patrick dem Istituto per le Opere di Religione (IOR), besser als Vatikanbank bekannt, einen überraschenden Besuch abgestattet hatte. Pius XII. hatte das IOR 1942 mit einer handschriftlichen Urkun¬de gegründet. Bischof Paul Marcinkus war 1969 beigetreten. Er hatte 1982 die Leitung, als zur Verlegenheit des Vatikans die Banco Ambrosiano, die mit dem IOR eng verbunden war, mit Schul¬den in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar pleite ging. Bald danach wurde Roberto Calvin, der Ambrosiano-Präsident, unter der Blackfriar's Bridge in London erhängt aufgefunden. In den 1990er Jahren hatte das IOR Staatsanleihen im Wert von sechzig Millionen Dollar verkauft, die führenden Politikern als Bestechungsgelder gegeben worden waren, und sich geweigert, die zehn Prozent Provision zurückzuzahlen. Begleitet von Charley und Montefiori, ging der Papst zum neuen IOR-Bau, einem monumentalen Wolkenkratzer aus Stahl und Glas, der das aus dem 16.Jahrhundert stammende Gebäude im Sixtus-V.-Hof neben der Porta Sant'Anna abgelöst hatte. Der jet¬zige Präsident war Bischof Pawel Radowski, ein silberhaariger Pole, der an der Stanford-Universität studiert hatte.
………
Normalerweise hätte Patrick herzlich mit Montefiori gelacht, der ein hochbegabter Geschichtenerzähler war. Heute lachte er nicht. Er war grimmig gestimmt, als sie von einem uniformierten Bediensteten in eine prachtvolle Halle aus weißem Carraramarmor geführt wurden. Binnen Sekunden brachte ein Aufzug sie in den zwölften Stock, wo Marcinkus' Nachfolger das Büro der Zukunft hatte. Die neuesten elektronischen Gerätschaften verbanden es mit allen Finanzinstituten der Welt.
Als sie es sich bequem gemacht hatten, schnurrte Radowski:
»Was möchten Sie wissen, Eure Heiligkeit?«
»Alles, Pawel.«
Radowski drückte einen Knopf, und ein Wandbildschirm zeigte Fakten und Zahlen: Einlagen, Kredite, Nettoeinkommen, Aktien¬besitz. »Sie sehen, wir sind mehrere Milliarden Dollar wert.«
»Und unsere Investitionen, Pawel?«
»Solide«, sagte Radowski stolz.
»Das bezweifle ich nicht. Aber in was haben wir investiert?«
Radowski drückte einen anderen Knopf.
»Mir scheint«, meinte der Papst« »wir haben Anteile an Kasi¬nos.«
Radowski räusperte sich. »Las Vegas und Atlantic City.«
»Ach ja? Und wir haben in Elektronik investiert.«
Die Firma, an der wir den Hauptanteil haben, Eure Heiligkeit, ist ein Subunternehmen von Boeing, USA.«
»Was stellt sie her, unsere Elektronikfirma?«
»Ich glaube, hm. Raketensteuerungssysteme.«
»Wirklich? Wie ich sehe, haben wir auch Pharmazieanteile. Medikamente?«
»Pillen, ja, gewiss «, sagte Radowski ausweichend. »Wir sind Hauptaktionär des Instituto Farmacologico Serafico.«
»Was für Pillen?«
Radowski errötete. »Kopfschmerztabletten.« Papst Patricks Mie¬ne hellte sich auf.
»Und, hm, Pillen zur Geburtenkontrolle.«
»Wozu, Pawel?«
»Hm, um Geburten zu kontrollieren, nehme ich an. Eure Heilig¬keit. Ich habe nicht so genau nachgefragt. Tatsache ist, dass wir fünf Prozent aller an der italienischen Börse notierten Aktien be¬sitzen, und wir haben die besten ausgewählt.«
»Die besten?«
»Die mit den höchsten Erträgen. Wir verwalten Treuhandgelder für unsere Gläubiger und Aktionäre, verstehen Sie.«
»Keine Abtreibungspillen?«
»Bestimmt nicht, Heiligkeit.«
Der Papst überlegte einen Augenblick. »Man sagt mir, Pawel, dass viele Kunden ihre Gelder hier deponieren, um keine italienische Einkommensteuer zahlen zu müssen.«
Radowski zuckte die Achseln. »Ich fülle ihre Erklärungen nicht aus.«
»Aber sie könnten zu diesem Zweck bei uns investieren?«
„Es ist denkbar.«
Der Papst winkte lässig zum Bildschirm hin. »Was halten die Ak¬tionäre von diesen ... Investitionen?«
„Das sagen sie nicht, Heiligkeit.«

Sie kommen zu den Versammlungen und machen den Mund nicht auf?«
„Ich meine, wir, äh, halten keine Aktionärsversammlungen ab.«
„Aber sie fragen doch sicher manchmal nach der Bilanz?« Radowski hustete, um sich von einem Kratzen im Hals zu befrei¬en. »Wir veröffentlichen keine Bilanz, Eure Heiligkeit. Wir sind nie danach gefragt worden.« Er ratterte Statistiken über Goldreserven in Fort Knox und der Bank von England herunter. Das IOR unterhielt überaus
freund¬schaftliche Beziehungen zu großen ausländischen Banken wie Barclay von England, Sumitomo von Japan, der Unionsbank der Schweiz. »Ich vertrete Sie auch. Eure Heiligkeit, im Vorstand von zwanzig italienischen Banken.«
»Mich?« Patrick war erstaunt. »Warum?«
»Weil Sie dort beträchtliche Beteiligungen haben.« Der Papst hob überrascht die Hände.
»Entschuldigen Sie, dass ich frage, aber wo¬her habe ich das ganze Geld, das Sie für mich investieren?« »Abgesehen von Anteilen an Wertpapiermärkten in aller Welt bieten wir auch gewisse, nun ja, Dienstleistungen an.« »Erzählen Sie mir mehr darüber.«
Der Papst hat den Verstand eines Seminaristen, dachte Ra¬dowski, der seine Fragen schon peinlich fand. Wie der heilige Paul Marcinkus so weise sagte: »Man kann die Kirche nicht mit Ave Marias leiten.«
»Nun, Heiligkeit, wir lenken Geld in Steueroasen mit harter Währung.«
»Nämlich?«
»In die Schweiz hauptsächlich.«
»Und es kommt aus '...«
Radowski schluckte. »Es wird uns oft telegrafisch aus dem Aus¬land überwiesen.«
»Woher im Einzelnen?«
»Es kann von überall her kommen, von allem möglichen.«
»Spielkasinos, Pawel, Rennbahnen?«
»Vielleicht. Nun ... ja.«
»Ich verstehe. Dieses Geld aus dem Ausland, ist es -« Patrick machte eine Handbewegung. »heiß?«
»Was immer heiß bedeuten mag, ja.«
»Es ist Geld, Eure Heiligkeit, das, sagen wir mal, auf nicht näher bezeichnete Art erworben wurde und von dem seine Besitzer nicht wünschen, dass seine Herkunft verfolgt wird.«
»Mit nicht näher bezeichnen meinen Sie unehrlich?«
»Nein, nein, nein, Heiligkeit. Ich meine, ich kenne seinen Ur¬sprung wirklich nicht, und ich bin nicht berechtigt zu fragen.«
Der Papst machte ein verblüfftes Gesicht.
»Aber... aber, Pawel, es könnte von Gangstern kommen, von Spitzeln, illegalen Glücksspielern, Einbrechern, Kidnappern, Rauschgiftschmugg¬lern, Waffenhändlern - und Sie helfen ihnen womöglich, die Er¬träge in legale Geschäfte zu stecken. Wollen Sie denn nichts wis¬sen über dieses Geld, das Sie transferieren?«
Radowski verkniff sich die Bemerkung, Banker seien keine Beichtväter.
»Ich versichere Ihnen«, stammelte er, »wir tun nichts Illegales.« Er drückte hastig einen anderen Knopf.
»Wie Sie diesem Schau¬bild entnehmen, hat das IOR annähernd die Größe der Bank von Montreal und —«
Patrick blickte auf das Kruzifix über Radowskis Kopf. Herr, vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun.
Plötzlich: »Schließen, Pawel.«
»Den Computer?«
»Die Bank.«
»Für wie lange, Heiligkeit?«
»Für immer«, sagte der Papst.


Papst Patrick und die Schuldenkrise Lateinamerikas

Der Papst erhielt Besuch von drei südamerikanischen Kardinalen: den Erzbischöfen von Brasilien, Mexiko und Argentinien. Es hieß, sie seien als Gruppe gekommen, um sich über »Splendor Vitae« zu beschweren. Die drei Kardinäle waren auf Patricks Ersuchen nach Rom geflo¬gen, und die Enzyklika wurde gar nicht erwähnt. Während ihres viertägigen Aufenthalts schloss sich der Papst mit ihnen ein. Selbst Montefiori durfte nicht zugegen sein. Gonzales von Rio, Brasilien, vertrat zweihundert Millionen Ka¬tholiken, Ernesto von Mexiko hundert Millionen, Fonseca von Argentinien achtundvierzig Millionen. Auf Videos zeigten sie dem Papst, wie ihr Volk massenweise in Slums und Barackensiedlungen hauste, ohne das Notwendigste zum Leben. Kein Brot, kein Trinkwasser. Die Luft, nicht länger gesund und unsichtbar; war von tödlicher gelber Farbe. Zehntau¬sende von Kindern hatten Masern, Gastroenteritis, Cholera. In einem Film sah der Papst eine meilenlange Reihe von verlasse¬nen Säuglingen. Auf den Straßen von Säo Paulo versuchten zwei Millionen Knirpse, ihren Lebensunterhalt zusammenzukratzen. Elfjährige Mädchen waren bereits ausgelaugt durch Prostitution. »Warum, meine Freunde?« fragte der Papst, während er zum Trost Charleys harten Kopf streichelte. 


Die Kardinale verfolgten das Elend zurück bis in die 1970er Jah¬re. Die internationalen Banken waren durch OPEC-Einlagen gut bei Kasse. Sie verliehen ihre Gelder vorzüglich an Länder, die als »Evergreens« bekannt waren; anders als Privatgesellschaften konnten sie ihre Schulden aber nicht Schulden sein lassen oder über Nacht verschwinden. Milliarden von Dollars flössen nach Mittel- und Lateinamerika. 


»Mein Land«, erklärte Mexiko, »hat 1982 dreizehn Milliarden auf¬genommen. Wir hatten gute Sicherheiten. Öl, Silber und Kupfer« Brasilien und Argentinien sagten, auch ihre Länder hätten riesen¬große Kredite erhalten. Es war eine Katastrophe. Es gab drei Weltrezessionen, die Ölpreise sanken. Die Kreditaufnahme führte zu einer starken Inflation. Bald konnten die Entwicklungsländer ihre Kredite nicht mehr tilgen. Schlimmer noch, sie konnten nicht einmal die Zinsen dafür aufbringen. So werteten sie ständig ab und nahmen noch mehr auf, um ihre Kredite abzahlen zu können. Infolgedessen wuchsen die Schul¬denberge zu Schuldengebirgen.
Sie ersuchten um einen zweiten Kredit, nur um die Zinsen für den ersten bezahlen zu können. Sie liehen sich Geld auf Papier, nur um es dem Darlehensgeber sogleich auf Papier wieder zurückzu-geben. Sie kürzten Sozialleistungen, machten Einsparungen bei Schulen und Krankenhäusern. Sie erhöhten die Steuern himmel¬hoch. Es half nichts.
»Wie sehr unser Volk auch schwitzte und hungerte«, sagte Rio, »die Schulden wuchsen. Unsere Zivilregierung war erst zwanzig Jahre alt, als sie von den Militärs abgesetzt wurde. Unsere hun-gernden Millionen protestierten nicht. Was ist schon Freiheit ohne Brot? Außerdem konnte nur eine faschistische Diktatur sie davon abhalten, gegen unmögliche Lebensbedingungen zu rebellieren.«

Trotz der bitteren Armut riet der Internationale Währungsfonds unentwegt: »Kürzen! Kürzt Importe, Staatshaushalte, Wohnbei¬hilfen, Sozialleistungen. Erhöhen! Erhöht die Steuern, die Benzin-und Strompreise.«
»Warum, meine Freunde?« fragte der Papst mit gesteigerter Qual.
»Um den Gringos ihr Geld zurückzuzahlen. Eure Heiligkeit.« »Den Bankern?«
Sie nickten. »Aus Deutschland, Japan, England, doch hauptsäch¬lich aus den USA.«
»In den 1980er Jahren hatten wir neunundvierzig Milliarden Dollar Schulden«, sagte Argentinien. Mexiko war mit fünfundneunzig Milliarden Dollar verschuldet, und Brasilien übertraf sie alle mit Schulden in Höhe von 102 Milliarden Dollar. Nach zehn Jahren Wirtschaftswunder, nachdem es die eigenen Armen fast drei Jahrzehnte lang ausgepresst hatte, war Latein¬amerika um durchschnittlich achtzig Prozent höher verschuldet als zu Beginn.
»Unser Volk«, klagte Argentinien, »ist das am besten ausgebilde¬te auf dem ganzen Kontinent. Wir sind unabhängig von fremdem Öl und der drittgrößte Getreideexporteur der Welt. Jahr für Jahr exportieren wir viel mehr, als wir importieren, und doch werden wir ständig ärmer.«

»Wie sieht es bei Ihnen aus?« fragte der Papst Mexiko. »Ist Ihr Land nicht am Nordamerikanischen Freihandelsabkommen beteiligt?« .
»Eine Katastrophe«, sagte der Kardinal. »Ja, auch wir haben Öl im Überfluss, einen Vorrat von 64,5 Milliarden Barrel. PEMEX, unsere staatliche Erdölgesellschaft, verdient jedes Jahr ein Vermö¬gen. Für ausländische Banken. Jetzt spricht die Regierung davon, sie zusammen mit unserer staatlichen Elektrizitätsgesellschaft ans Ausland zu verkaufen, unter Verletzung von Artikel siebenundzwanzig unserer Verfassung.«
Rio sagte mit bleichem Gesicht: »Heiligkeit, Sie kennen mein Land gut. Wir exportieren Stahl, Kaffee, Getreide, Sojabohnen. Wir haben jedes Jahr einen Handelsüberschuß von Milliarden von US-Dollars. Trotzdem hungern unsere Kleinen.«
»Furchtbar«, meinte der Papst mehrmals, und Charley, der jeden Stimmungsumschwung von Patrick spürte, schüttelte ungläubig den Kopf. Die Inflation in den drei Ländern bewegte sich zwischen sechshundert und zweitausend Prozent.

»Mein Land«, sagte Brasilien, »war das letzte in der Welt, das die Sklaverei abschaffte, und jetzt sind wir schlimmer versklavt denn je.«
»Niemand spart in meinem Land einen Centavo«, erklärte Argentinien. »Nachdem Präsident Menem die Inflation gebremst hatte, ist sie auf zweitausend Prozent zurückgegangen. Topmanager legen zusammen, so dass von ihren vereinten Gehältern der eine in diesem Monat ein Fernsehgerät bekommt, ein anderer im nächsten und so weiter.«
»Wieder und wieder«, sagte Mexiko, »haben wir unsere Ver¬bindlichkeiten neu kalkuliert. Die Konditionen sind sehr hart, Eure Heiligkeit. Während der Pesokrise 1994/95 haben wir wei¬tere sechsundzwanzig Milliarden Dollar aufgenommen. Wir konnten sie nicht zurückzahlen, also stockten wir auf.« »Warum versuchen Sie denn, sie zurückzuzahlen?« erkundigte sich der Papst.
Argentinien antwortete ihm. »Unser Finanzminister hat einmal im Fernsehen erklärt: >Wir werden nicht mehr zahlen.< >Vor Ab¬lauf einer Stunde erhielt er einen Anruf des amerikanischen Fi¬nanzministers Donald Wilks. Er sagte: >Sicher, Miguel, Öl und Getreide habt ihr genug. Aber was ist, wenn eure Krebspatienten nach Morphium schreien, eure Diabetiker wegen Insulinmangel ins Koma fallen? Wenn ihr keine künstlichen Nieren habt, keine Narkosemittel, um Zähne zu ziehen oder Kindern den Blinddarm zu entfernen? Wenn eure Währung auf dem Weltmarkt nicht mehr notiert wird, wenn niemand auch nur ein Weizenkorn von euch kaufen will, eure Schiffe in keinem Hafen willkommen sind und niemand euch Panzer oder Flugzeuge, Traktoren oder Autos verkaufen will? Miguel, wie wollen Sie das Ihrem Volk erklären?< Deswegen, Eure Heiligkeit, versuchen wir zu zahlen.«

Papst Patrick hörte vier Tage zu und dachte in jeder langen Nacht über das nach, was er erfahren hatte. Er betete mit den Kardina¬len und las die Messe mit ihnen. Danach erklärte er ihnen, was er zu tun gedachte.

Papst Patrick und die Zinsen

Die Kardinäle Rottweiler und Frangipani waren misstrauischer denn je, als der Papst sie zu einer weiteren Besprechung zu sich rief. »Geschäftsmoral, meine Herren«, sagte er. Frangipani, der naive Liberale, war erleichtert. Ein langweiliges Thema, aber weit weniger brisant als Sex. Auf des Papstes Frage: »Was ist Wucher?« erwiderten sie unisono: »Geld gegen Zinsen zu verleihen.« »Und was sagt die Bibel dazu?«
Rottweiler, der Sündenexperte, erklärte: »Daß es unrecht ist.« »Sie erinnern sich, wie Aristoteles Wucher nannte, Josef?« »Die Geburt von Geld aus Geld.«
»Ja, ökonomischer Inzest«, sagte Patrick. »Sogar die Heiden wussten, dass es ein Verbrechen ist, Zinsen für ein Darlehen zu nehmen.«
»Stimmt«, sagte Frangipani, dem das Thema völlig schnuppe war,
»Jesus hat gesagt: > Leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft.<
Wer gab die Erlaubnis für etwas, das der Herr verboten hat? Nicht die Kirche. Sie hat seine Lehre von Zeitalter zu Zeit¬alter befolgt. Was geschah mit einem Christen, der Zinsen für ein Darlehen nahm?«
»Er wurde geächtet«, antwortete Frangipani, nach wie vor unin¬teressiert. »Ihm wurden die Absolution und ein christliches Be¬gräbnis verweigert, bis er Wiedergutmachung leistete.« Patrick nahm ein dickes gelbes Schriftstück aus einer Schublade und knallte es auf seinen Schreibtisch. Beide Kardinale beäugten es misstrauisch.
»Meine Dissertation über Wucher«, erklärte der Papst. »Jeder Pater und große Theologe, auch jedes Konzil, jedes einzelne päpstliche Dokument, das sich mit dem Erheben von Zinsen befasste, besagte, dass es unrecht ist. Und Dante -« »Er schickte Geldverleiher an den heißesten Platz der Hölle.« »Genau, Francesco. Sie waren die einzige Sorte Menschen, gegen die der Herr gewaltsam vorging, als er sie aus dem Tempel trieb.« Patrick sah ernst von einem Kardinal zum anderen. »Ohne Aus¬nahme, ohne Einschränkung hat die Kirche in jedem Zeitalter Wucher für unrecht erklärt.«
Die Kardinale wechselten von Langeweile zu Gespanntheit. Rottweiler stieß seine Kaffeetasse um.
»Wer war der erste, Josef, der es für rechtens erklärte, Zinsen auf ein Darlehen zu erheben?« »Calvin.«
»Genau. Einer der ersten Protestanten in Genf, der nach wie vor pro¬testantischsten Stadt der Welt. So, und warum haben wir unsere große Tradition verraten?«
»Doch nicht verraten«, wandte Frangipani ein. »Wir haben sie entwickelt.«
Der Papst erwiderte hitzig: »War es denn kein Verrat von uns, zweitausend Jahren christlicher Lehre den Rücken zu kehren?« »Es ist wirklich viel komplizierter«, setzte Frangipani an. »Erst nach dem Mittelalter haben die Menschen erkannt, dass Geld tat¬sächlich Geld verdiente. Warum soll sein Geld dem Darlehensgeber nichts einbringen, wenn der Kaufmann, dem er es leiht, Profit macht?«
»Hier«, brauste der Papst auf, »redet die Vernunft, auch wenn es der ganzen Bibel widerspricht, einschließlich den Evangelien.« Frangipani war verblüfft über die grimmige Reaktion des Papstes.
»Nennen Sie mir, Francesco, Ihre Berechtigung, den Herrn zu verleugnen.«
»Sie meinen, die Verlautbarung eines Papstes oder Konzils?« Patrick nickte.
Frangipani zuckte die Achseln. »Ich habe keine.«
»Wie denn auch? Benedikt XIV. hat 1745 in seiner Enzyklika >Vix Pervenit< Wucher mit genau denselben Worten verurteilt, mit denen Paul VI. 1968 in >Humanae Vitae< die Empfängnisver-hütung verurteilte. Benedikt sagte, wer Zinsen für ein Darlehen nimmt, gleichgültig, wie hoch der Zinssatz, gleichgültig, welche Gründe er für das Erheben von Zinsen nennt, versündigt sich ge¬gen die Gerechtigkeit und muß sie dem Darlehensnehmer zurück¬zahlen. Ausnahmen jeder Art sind undenkbar.« Frangipani war verwirrt. »Wann hat sich dieser Wandel voll¬zogen? Denn die Kirche hat sich ja wohl offenkundig verändert.«

Rottweiler erklärte: »l 830 hat das Heilige Offizium mit der Zustimmung Pius' VIII. gesagt, wer einen festen Zinssatz auf ein Darlehen erhebt, dem soll es nicht verwehrt werden.«
»Wirklich!« sagte der Papst. »Ein fester Zinssatz. Das heißt ja wohl, wenn der Zinssatz festgelegt und nicht zu hoch ist, ist er rechtens.« Die Kardinale nickten.
»Pius VIII. hätte ebenso gut sagen können«, fuhr Patrick fort, »dass jedem, der gelegentlich lügt oder nur dann und wann ein¬mal mit einer Prostituierten schläft, dies nicht verwehrt werden soll.«
Abermals sahen sich die Kardinale besorgt an. »Die Kirche, meine Freunde, ist mit dem Wucherer stets härter verfahren als mit Lügnern und Hurern. Kein christliches Begräb¬nis für ihn. Er war sogar schlimmer als ein ehebrecherischer Papst.«
Rottweiler musste zugeben, dass die Kirche nie gesagt hatte, das Erheben von Zinsen sei rechtens. Im Gegenteil, sie hatte stets of¬fiziell gesagt, dass Wucher, wie Empfängnisverhütung, prinzipiell unrecht sei.
Patrick bemühte sich, ruhig zu bleiben. Dr. Gadda warnte ihn fortwährend, dass zu viel Aufregung seine Kopfschmerzen uner¬träglich machen würde. Er senkte die Stimme, als er fortfuhr:
»Die Kirche konnte kaum etwas anderes sagen, nicht wahr, Josef, angesichts ihrer Tradition? Nein, 1830 wurde die Saat für die ge¬genwärtige Tragödie der Kirche gesät. Von da an ging es stetig bergab. Pius IX. vertraute den Rothschilds das Kirchenvermögen an und befahl seinen Nuntien, bei ausländischen Banken in Vati¬kanfonds zum höchsten Zinssatz zu investieren.« »Ich muß protestieren«, sagte Frangipani. »Mit welcher Begründung, Francesco? Können Sie nicht die trau¬rigen Konsequenzen sehen, wenn man Bankern ein ruhiges Ge¬wissen lässt? Wir hatten ja sogar eine Vatikanbank, was so ziem¬lich dasselbe ist wie ein vatikanisches Bordell oder eine vatikanische Abtreibungsklinik.«

Frangipani suchte ihn zu unterbrechen: »Heiligkeit -« »Warten Sie! Päpste und Bischöfe haben sich selbst als Banker be¬tätigt und Zinsen auf Kredite erhoben. Hundert Jahre, bevor Marcinkus sich mit Gaunern wie Sindona und Calvi einließ, hat Leo XIII. nicht nur an der Börse spekuliert, er wollte auch die Union General gründen, eine internationale katholische Bank. Unglaublich! Gott sei Dank ist sie mit Schulden von einer Million Lire pleite gegangen.«
»Entschuldigen Sie, wenn ich widerspreche«, sagte Frangipani, »aber wo wären wir ohne Banken?«
»Ich will Ihnen ja gerade zeigen, wo wir mit ihnen sind.« Der Papst spielte ihnen die Videos vor, die ihm die lateinamerika¬nischen Kardinäle dagelassen hatten.
»Dies«, sagte der Papst schließlich, »sind die Resultate von Wu¬cher in der modernen Welt. Ich habe mit Radowski gesprochen. Banker fragen nicht: >Wie kann ich den Armen helfen?<, sondern: >Wie kann ich sie weiter ausquetschen, und zwar rücksichtslos ?< An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Dies« - er deutete auf die Videobänder - »sind die Früchte des Bankenwesens.«
Ein langes, gequältes Schweigen folgte. Die Kardinale teilten den großen Gram des Papstes, während Charley gefühlvoll zu ihm aufsah. Schließlich: »Die furchtbare Wahrheit ist, meine Freunde, wir, besonders die letzten Päpste, haben durch unser Schweigen die größte aller Sünden vergeben. Aber das Christentum ist die Religion eines armen Mannes, der zu den Schwachen und Hung¬rigen hielt. Hätten doch wir, seine Jünger, Christus in den Armen so klar gesehen, wie wir ihn in der Eucharistie sehen! Hätte doch unser Glaube ihn im Brotmangel so klar gesehen, wie wir ihn in der Hostie sehen!«
Rottweiler dachte gerade, er habe noch nie eine derartige theolo¬gische Vorlesung gehört, als der Papst hinzufügte: »Damit wir uns nicht missverstehen, es ist dringender für uns, auf selten der Armen zu sein, als die Messe zu lesen oder die Sakramente zu fei¬ern.« Er legte die Hände an seine brennende Stirn. »Ich und mei¬ne Vorgänger haben die Empfängnisverhütung verurteilt, aber im Angesicht der Großen Sünde, der Unterdrückung der Armen, ge¬schwiegen.«
»Es ist wahr«, sagte Rottweiler nachdenklich. »Wir haben endlos attackiert, was die Menschen im Bett tun, und fast nichts darüber gesagt, was gottlose Geschäftsleute auf dem Markt tun.« »Seien Sie vorsichtig, .Eure Heiligkeit«, warnte Frangipani. »Wenn Sie die Banken angreifen, erscheinen Sie als der Feind des Kapitalismus schlechthin.«
»Und mit Recht«, erwiderte Patrick, bis zur Weißglut erzürnt. »Ob Jesus Sozialist war, darüber lässt sich streiten. Eines ist jeden¬falls sicher: Er war kein Kapitalist. Was ist Kapitalismus? Maynard Keynes nannte ihn einen grenzenlosen Hunger nach Reich¬tümern. Ja, er ist absolut unreligiös.«
»Aber, Heiligkeit.« Frangipani winselte beinahe. Er konnte nicht fortfahren. Die Konsequenzen aus den Ansichten des Papstes waren zu schrecklich, um darüber nachzudenken. »Kapitalismus, Francesco, setzt nicht Gott und seine Armen an die erste Stelle, sondern den Mammon. Er verbreitet die abgötti¬sche Verehrung des Wohlstands. Selig sind die Habgierigen, denn sie werden die Erde besitzen. Selig sind die Gewalttätigen, die Stolzen, solche mit Seelen wie Besenstiele. Gott segne den reichen Mann, und Gnade Gott dem hungrigen, verlausten Lazarus an seinem Tor.« Er machte eine kurze Pause.
»Das Merkwürdige ist, Kapitalisten sehen überhaupt keine Verbindung zwischen Religion und Wirtschaft. So merkwürdig vielleicht auch wieder nicht. Wir, die Kirche, haben die Wirt¬schaft Satan überlassen. Als gebe es ein Naturgesetz für Sex, aber nicht für Kommerz, außer auf jede beliebige Weise mög¬lichst viel Geld zu verdienen. Auch wenn infolgedessen Millio¬nen hungern.«
Frangipani war versucht einzuwenden, die Ansichten des Papstes seien mit den gotischen Kathedralen aus der Mode gekommen, aber vor seinem inneren Auge sah er noch das Video von schwar¬zen und braunen Kindern mit leeren aufgetriebenen Bäuchen und spindeldürren Beinen.

»Kapitalismus«, sagte Patrick nachdenklich, »ist die perfekte Form des Kolonialismus. Er ist die Methode, ein Land einzuneh¬men. Kein Grund für eine Invasion, die viel zu viel Geld und Men-schenleben kostet. Man leihe einem Land nur genug Geld, erhebe einen ausreichend hohen Zinssatz, und die Urururenkel derjeni¬gen, die dumm oder bedürftig genug waren, Geld aufzunehmen, werden es immer und ewig zurückzahlen.« »Und kein Amen.« Montefiori war hereingeschlichen und hatte das Ende der Diskussion gehört. »Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen. Eure Heiligkeit?« Herr, habe ich nicht einen Lendenschurz angezogen und mich zum Häuptling der Armen ernannt? Hilf mir, meinen Freunden aus Marajö und Ihresgleichen in den Kontinenten der Armen helfen.
»Heiligkeit?« wiederholte Montefiori.
»Ich schreibe eine Enzyklika, die »Verteidiger der Armen< heißen wird. Außerdem beabsichtige ich, auch wenn Präsident Delaney es zu vereiteln versucht, vor den Vereinten Nationen eine Rede zu halten.«