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2010  Eschweiler- Nias und zurück 

Notizen einer Indonesienreise

Mittwoch, 3. Februar 2010   

Es war noch dunkel und es lag Schnee in Eschweiler, als Nachbarin Agi uns morgens kurz vor 6 Uhr zum Bahnhof  brachte, wo wir – ein Rail&Fly-Ticket in der Tasche - mit unseren Koffern in den Zug kletterten, um rechtzeitig drei Stunden vor Abflug in Frankfurt–Flughafen zu sein. Abflug sollte um 11.00 Uhr sein. Gebucht hatten wir schon im November 2009 bei „Etihad Air“, der Staats-Airline von Abu Dhabi, die mit € 630,- pp für Hin & Rückflug nach Kuala Lumpur den günstigsten Tarif anbot.  Die Fluggesellschaft „Etihad Air“kann nur empfohlen werden:  neue  Airbusse der 330- Serie, exzellenter Service an Bord und auch Wein, Bier, Whisky usw. inklusive.  

Allerdings mussten wir nach sieben Stunden Flug einen sechsstündigen Zwischenstopp in Abu Dhabi akzeptieren - Weiterflug nach Kuala Lumpur um 2.00 Uhr morgens Ortszeit. Auch wenn der Transit-Bereich von Abu Dhabi-Airport von ansprechender Architektur ist, nach sechs Stunden hat man sich daran reichlich satt gesehen und ist froh, in den nächsten Flieger steigen zu dürfen, auch wenn das wiederum sechs Stunden Stillsitzen bedeutete. Viel Zeit zum Schlafen blieb nicht mehr, da es in Kuala Lumpur bei einem Zeitvorsprung  von sechs Stunden schon längst Tag war und wir um 14.00 Uhr Ortszeit dort ankamen. Inzwischen war es ja schon Donnerstag, der 4. Februar und wir waren in tropischen Gefilden(30° ).

Wir hatten Zeit, unsere Wintersachen in den Koffern zu verstauen und  endlich leichte Sommersachen anzuziehen. Eigentlich ein schöner Programmpunkt, wenn da die liebe Yuni nach ihrem Toilettenbesuch sich nicht in der beeindruckend großen Flughafenhalle verlaufen hätte….Ein veritables Malheur, wie man unschwer nachfühlen kann…. Große, sehr große Erleichterung, als wir uns nach einer knappen Stunde  bei der Information wiederfanden!           (Yuni versprach zerknirscht, nie, nie wieder alleine auf eine Flughafentoilette gehen zu wollen!)                           

Eine aufregende Stunde, aber noch genügend Zeit, um per Taxi vom KUL-International Airport zum  „Air Asia - Low Budget Airport “ zu fahren, da wir den Weiterflug nach Surabaya bei „AirAsia“ gebucht hatten.  AirAsia – der Durchstarter am asiatischen Flughimmel - hatte vor einigen Monaten ein eigenes Flughafengebäude auf der Rückseite des Flughafengeländes bezogen. Wir hatten von  dem Umzug erst in Kuala Lumpur erfahren (vor vier Jahren starteten noch alle Flieger vom gleichen Flughafen aus) und waren froh, dass wir unseren 18.00 Uhr- Flieger nach Surabaya noch rechtzeitig erreichten.  Gegen 20.00 Uhr Ortszeit landeten wir endlich in Surabaya, etwas verspätet, da ein krachendes Tropengewitter einen zweimaligen Landeversuch erzwungen hatte. Nach 34 Stunden endlich in Indonesien…. Wunderbar!

Über der Passkontrolle ein großes Schild: „Willkommen in Indonesien! - Todesstrafe für alle Drogendealer!“  Wir hatten  außer zwei Flaschen „Johnny Walker“ keine Drogen in unseren Koffern – unsere Sorge galt mitgebrachten deutschen Bratwürsten, die sich unsere Freunde bestellt hatten… Aber alles paletti – Small Talk auf Indonesisch und der Zollbeamte winkte uns freundlich durch. „Selamat datang di Surabaya – Willkommen in Surabaya!“

Surabaya                              

Diese Indonesienreise wollten wir ein wenig geschickter angehen als in den vergangenen Jahren und uns nicht Hals über Kopf den strapaziösen klimatischen Bedingungen eines Nias-Aufenthalts aussetzen. Ein sog. Sozial-Visum für einen sechswöchigen Indonesienaufenthalt - schon in Deutschland erteilt, sorgte dafür, dass wir genügend Zeit für unser Besuchsprogramm hatten. Deshalb zum Eingewöhnen erst einmal eine Woche bei unseren Freunden in Surabaya. Die warteten schon besorgt über die Verspätung im Flughafen auf uns. Große Wiedersehensfreude, als wir endlich im Empfangsbereich des Flughafens auftauchten.

Khae und Lian kennen wir schon seit 1978 aus Aachener Zeiten, wo sie und ihre drei Brüder an der Aachener TH studierten. Die beiden hatten uns im Sommer 2009 in Eschweiler besucht und freuten  sich jetzt sehr auf unseren Retour-Besuch in Surabaya. Inzwischen sind auch sie glückliche Großeltern - den munteren Enkel Kaidon lernten wir später noch kennen. In ihrem Haus im Manyar-Kartika–Viertel war Platz für uns, da ihre drei Kinder derzeit alle nicht mehr zuhause wohnen.  Außerdem für uns sehr angenehm: die Zimmer waren mit Air Condition  (AC)  ausgestattet, so dass trotz Jetlag und tropischen Außentemperaturen von 30° eine angenehme Nachtruhe möglich war - ein große Hilfe bei der Akklimatisierung an das feuchtheiße Klima der Tropen.

Freitag, 5. Februar  2010 

Einkaufen in Surabaya                                                                                                                                 

Khae und Lian waren wieder so wunderbare Gastgeber.  An alles Mögliche war schon im Voraus gedacht: Geldumtausch, neue  SIM-karte fürs Handy, Planung und Buchung der Flüge für unsere Weiterreise in Indonesien – No problem! -  Khae hatte alles auf der Agenda. Er wusste natürlich auch, wo es die beste Bihun-Suppe oder das leckerste Babi Kecap von Surabaya gab, und Lian begleitete Yuni in die entsprechenden Etagen der Shopping-Malls der Stadt, um die Mitbringsel für unsere weiteren Besuche zu besorgen.

Die Malls sind offensichtliche Investitionen indo-chinesischen Kapitals.  Derzeit überall in rot-goldenen Lettern:  GONG XI FA CAI! Glückwünsche zum bevorstehenden chinesischen Neujahrsfest, das seit der Amtszeit von  Präsident Wahid wieder öffentlich gefeiert werden kann. „Gus Dur“, wie der ehemalige Präsident auch genannt wurde,  Chef der größten Moslem-Organisation NU, war gerade Weihnachten  2009 verstorben. Die Chinesen Indonesiens haben ihm diese Geste der Toleranz nicht vergessen: Hari  Raya Imlek  am 14. Februar  2010 wird ein gesamtindonesischer Feiertag sein. Das Jahr des Tigers steht ins Haus und überall in den Geschäften sind niedliche Plüschtiger in der Auslage.

Surabaya,  mit ca 2,5 Mio Einwohnern die zweitgrößte Stadt Indonesiens, in unserer Erinnerung eine hektische und staubige Metropole -  präsentiert sich uns 2010 in ihrem Zentrum als eine erstaunlich grüne Stadt. Khae erzählt uns, dass seit drei Jahren eine tüchtige Frau die Abteilung  City-Image der Stadtverwaltung übernommen hat, und mit  dem Programm „Green Surabaya de facto das Stadtzentrum  hat ergrünen lassen. Bäume, gepflegte Grünflächen und Blumenrabatte auf den Mittelstreifen der sechsspurigen Hauptstraßen geben dem Stadtzentrum ein urbanes Flair, das die Einwohner von Surabaya inzwischen auch zu schätzen wissen. 

Und noch etwas fällt auf: Man restauriert und renoviert die noch existierenden Gebäude und Häuser aus der holländischen Kolonialzeit. Der Abstand zu dieser historischen Epoche ist inzwischen so groß, dass die Ressentiments gegen die ehemaligen Kolonialherren keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Diese prächtigen Bauten im sog. -neoklassizistischen - Kolonialstil des 19. Jahrhunderts, geben der Stadt ein unverwechselbares Gesicht neben all den modernen Hochhäusern, die in ihrer architektonischen Einfallslosigkeit überall in den Großstädten der Welt stehen könnten.

Surabaya hat den Ruf, die beste Einkaufsstadt Indonesiens zu sein. Das kann wohl sein. Es hat neben den vielen Geschäften derzeit zehn Einkaufszentren  (Shopping Malls) in einer Größe und Vielfalt, wie wir sie in zumindest  in Deutschland nicht kennen. Sie sind aber eher das Einkaufsparadies für eine betuchtere Klientel. Einfache Leute versorgen sich dagegen in dutzenden  von preiswerteren Supermärkten in den verschiedenen Stadtteilen oder auf dem legendären Nachtmarkt von Surabaya, auf dem in den Nachtstunden Tausende von Händlern ihre Waren anbieten.

Die Malls sind von 10:00 bis 22:00 Uhr abends geöffnet und sind immer voll mit schau-und kauflustigen Besuchern. Die Nutzung der Malls ist vielfältig: Geschäfte, Boutiquen, Restaurants, Büros usw. Unter anderem hat  eine ev. Freikirche in einer oberen Etage  einer Shopping-Mall einen größeren Raum angemietet, in dem die sonntäglichen Gottesdienste abgehalten werden. Wieso kommt man auf diese sicher nicht billige Lösung, frage ich Khae, dessen Tochter und Schwiegersohn dieser Kirche angehören. Khae erklärt uns, dass es in Ost-Java derzeit für christliche Gemeinden sehr schwierig sei, die Erlaubnis  für einen Kirchbau zu bekommen, da regelmäßig Einsprüche und Demos  von muslimischer Seite den Bau blockierten und deshalb ein kirchlicher Veranstaltungsraum in einem Einkaufstower  die einfachere Variante sei. Außerdem sei durch die hauseigene Security-Truppe des Einkaufzentrums  die Sicherheit rund um die Uhr garantiert.

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 Exkurs: Indonesien, ein islamisches Land ?   siehe...   Blog apropos

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Weekend in Trawas                                                                                                                                                                                      

Am Samstagabend waren wir zum gemeinsamen Abendessen  von Lians Geschwistern eingeladen, die sich jedes Wochenende im Elternhaus der Ludong Familie treffen. Die Brüder Herman, Peter und Yosef – inzwischen alle erfolgreiche Geschäftsleute, ihre Frauen Gina, Me’ie und Ino kennen wir auch seit Aachener Zeiten. Die Freundschaft hat die Jahrzehnte überdauert. Deshalb großes Hallo beim Wiedersehen und lachende Freude über Yunis mitgebrachte deutsche Bratwürste. Nostalgische Genüsse und natürlich viele Fragen nach diesem und jenem in Deutschland, wo sie ja ihre Studienjahre verbracht haben. Die Begegnung mit uns weckt viele schöne Erinnerungen, die uns gemeinsam geblieben sind aus  jenen Tagen.

Am Sonntag, nach einem Gottesdienstbesuch in der katholischen Kathedrale, steht Khaes Minivan schon bereit, um uns für die nächsten zwei Tage in das Ferienhaus der Ludong-Familie in Trawas zu bringen. Trawas ist ein herrlich gelegener Ferienort im Bergland von Ost-Java, etwa 65 km von Surabaya entfernt. Schon die Holländer hatten diese Region als Erholungsgebiet entdeckt, wenn ihnen die Hitze von Surabaya zu viel wurde. Es ist so kühl, dass man in der Nacht eine Schlafdecke sehr gut vertragen kann. Das Ferienhaus der Ludongs  liegt am Fuß des schlafenden Vulkans Gunung Arjuna  und man hat einen wunderbaren Blick auf  das westjavanische Bergland mit seiner üppigen tropischen Vegetation. Nach den strapaziösen Reisetagen Entspannung pur. „Santai“ heißt das indonesische Wort dafür.  

Am Montag stand dann ein Ausflug in die nahe gelegene  Stadt Malang auf dem Programm.     Ich hatte mir das gewünscht, um ein wenig mehr von Land und Leuten in Ost-Java zu sehen.   Malang rühmt sich, die Stadt der Blumen zu sein und noch aus holländischer Zeit ein touristisch interessantes  Stadtzentrum zu besitzen. Wir fanden eine sehr geschäftige javanische Stadt vor, die  versucht ihre Verkehrsprobleme in den Griff zu bekommen, und deren historisches Stadtzentrum nicht wirklich zur Besichtigung einlädt.

Das Wetter war auch nicht auf  sightseeing eingerichtet – dicke Regenwolken am Himmel. Aber Khae hatte die Adresse eines Lokals, in dem man ausgezeichnet zu Mittag essen konnte. Einen guten Kaffee tranken wir dann in einem  Restaurant in Batu, einem bekannten Urlaubsresort. Wir waren an diesem Montagnachmittag offensichtlich die einzigen Gäste. Aber man sagte uns, zu Wochenenden und Ferien sei alles ausgebucht.  Auf dem Rückweg erwischte uns dann doch noch der Regen und ließ uns erleben, welche Wassermengen sich in tropischen Gewitterwolken verbergen.  Bis Trawas selbst war das Gewitter nicht gekommen - Abendsonne auf den Dächern der Villen von Trawas  -   Santai auf der Veranda bei einem kühlen Bintang-Bier und einer duftenden Kretek-Zigarette der Marke Gudang Garam. ( Seit Surabaya stehe ich wieder voll unter Kretek-Dampf. Sechs Wochen in Smokers Paradies! Hurra Indonesia!)

Mittwoch, 10. Februar                                                                                                                                              Tanjung Perak, Bir  und Sampoerna                                                                      
Dienstag   Nachmittag  sind wir wieder zurück in Surabaya. Morgen muss Khae wieder in seine Firma in Gresik, die auf ihren Manager wartet. Lians Bruder Peter und Frau Me’ie haben den Mittwoch für uns frei gemacht. Me’ie zeigt uns zunächst mal ihre Gewürzproduktion, die sie sich zuhause eingerichtet hat. Zwei Mädchen haben Arbeit bei ihr gefunden. In den Regalen Serien von speziellen Sambals und Fertig-Gewürzmischungen, die im Bekanntenkreis angeboten und offensichtlich gut verkauft werden. Wir bekommen einige Gläser ihrer Produktion geschenkt,  die wir gerne später in Nias präsentieren werden.

 Peter bietet uns an, eine kleine Stadtrundfahrt mit ihm zu unternehmen. Das passt prima.         Ich wollte noch einmal den berühmten alten Hafen Tanjung Perak sehen, dem in der Dreigroschenoper mit dem Lied vom „Surabaya-Johnny“ ein musikalisches Denkmal gesetzt wurde. Noch legen manchmal die großen Lastensegler aus Makassar hier an.  Aber heute waren außer einer schmucken Segelyacht keine Segelschiffe zu sehen, nur hässlich praktische Motorschooner, die den Frachtverkehr in der Javasee übernommen haben.  Die Zeit dieser legendären Segelschiffe scheint auch hier vorbei zu sein. 

Auf der Fahrt durch die Straßen Surabayas fällt mir an den Ampelanlagen eine technische Neuheit auf, die ich bis dahin in Europa noch nie gesehen hatte: Eine digitale LED-Uhr zeigt laufend die verbleibenden Sekunden bis zur nächsten Rot oder Grünphase der Ampel. Eine praktisch-sinnvolle Sache, die dem Warten an der Ampel eine beruhigende Bestimmtheit gibt. Das Pokern während  der Gelbphase erübrigt sich. Europas Verkehrsplaner sollten sich ruhig einmal in Asien umsehen …

Östlich des Hafens entstehen die neuen Wohnviertel von Surabaya. Es wird unentwegt gebaut, und die Investoren scheinen genug Leute zu kennen, die sich einen Kaufpreis von  Rp. 300 Mio (€ 25.000,-) leisten können.  Surabaya ist seit der Kolonialzeit eine boomende und wachsende Stadt.  Peter möchte mir die alte Heineken-Brauerei von Surabaya zeigen, in der bis vor kurzem noch das „Bir Bintang“, das beste indonesische Bier, nach den alten Heinekenrezepten gebraut wurde. Die Brauerei selbst ist an einen neuen günstigeren Standort umgezogen, wo wahrscheinlich neue größere Braukessel  den gestiegenen Bierkonsum der Indonesier befriedigen sollen. Die alten Gebäude werden  jetzt als Outlet-Verkaufsräume genutzt.

Eine andere Attraktion der Stadt hatten wir schon am Samstag mit Khae und Lian besucht.  Die Gebäude der Kretek-Zigarettenfabrik „Sampoerna“, die heute ein Firmenmuseum beherbergen.  „Sampoerna“ ist ein Familienunternehmen, das 1913 von dem chinesischen Einwanderer Liem Seeng Tee und seiner Frau gegründet wurde und eine der spektakulärsten Unternehmer-Karrieren Indonesiens darstellt. Die legendäre Zigarettenmarke „Dji Sam Soe“ oder „234“, und heute die Marke „Mild“, machte die Familie zu Milliardären, die 2005 aber ihre Aktienmehrheit an den USA-Konzern Philip Morris verkaufte. Der Enkel des Firmengründers, ein global Investor soll heute einer der Sponsoren von Tottenham Hotspurs sein, des bekannten englischen Fußballklubs. An den Wänden des Museums die Fotos der Familie Sampoerna, die sich stolz mit allen Mächtigen der Republik Indonesien von einst bis jetzt ablichten ließ.

Das Besondere aber des Museums „House of Sampoerna“  ist die „Live-Show“ in einer Zigaretten-Produktionshalle, in der ca. 200 Arbeiterinnen in traditioneller Art die Kretek-Zigaretten der Hausmarke „234“ rollen und verpacken.  Ein makabres und deprimierendes Schauspiel. Lebendiger Anschauungsunterricht für die menschenunwürdigen Arbeitsabläufe der Epoche der Manufakturen. Die Arbeiterinnen werden nach Stückzahl der fertigen Zigaretten bezahlt und rollen die Tabakstäbchen in einer Geschwindigkeit, als ginge es um ihr Leben.  Der Stücklohn war nicht zu erfahren.  Aber in dieser Weise wurden wohl bis zur Erfindung der Maschinenproduktion alle Kretek-Zigaretten hergestellt – wahrscheinlich auch meine indonesische Kretek-Hausmarke „Gudang Garam“. Für die Frauen, die heute hier arbeiten, ist es wahrscheinlich die bestbezahlte Arbeit, die sie bekommen können, sonst würden sie sich sicher nicht diesem Stress aussetzen. Aber arme Leute ohne Ausbildung haben auf der ganzen Welt keine großen Alternativen… auch nicht in Surabaya.     


Donnerstag, 11.Februar 2010 

Bye, bye Surabaya                                                                        

Gestern Abend noch ein fröhliches gemeinsames Essen mit  Yosef, Ino und deren Sohn Yohan, der in Melbourne studiert, aber gerade Semesterferien hat. Heute Morgen aber Abschied von Surabaya, von Khae und Lian. Viel zu schnell seien die schönen Tage mit uns vergangen, sagen sie. So auch unser Gefühl. Aber der Abreisetag stand schon fest und der Flug nach Jogyakarta war gebucht. Wir mussten schon  um 6:00 Uhr am Flughafen sein. Lian machte uns noch ein sehr frühes Frühstück und Khae kutschierte uns zum Flughafen, bevor er  in seine Firma fuhr.  Bye,bye Surabaya – Tschüss Lian und Khae – Sampai jumpa lagi!

Alle Fotos zu "Surabaya"


JOGYAKARTA

Nein, ein „Studentenheim“ ist das kürzlich fertig gestellte schmucke Häuschen von Ina Fati beileibe nicht. Aber seit zwei Monaten ist Ina Fati nicht hier in Jogya, sondern in Bali, um ihrer Tochter Fati bei der Versorgung des neugeborenen Enkels beizustehen. Und so wohnen nur die beiden jüngsten Kinder Ditha und Willi derzeit zuhause, beide Studenten der Betriebswirtschaft, die das Häuschen eben nach ihren Bedürfnissen zum Studentenquartier umfunktioniert haben.  Außerdem lebt in Jogya auch noch der Student Heri, Ama & Ina Rinis Sohn, der kurz vor Ende seines Architekturstudiums steht. 

Auch wenn wir ihr autonomes Studentenleben etwas „störten“, alle freuten sich riesig auf den Besuch von Tante und Onkel aus Jerman und holten uns hocherfreut  am Fughafen ab. Extra mit dem Nachtzug kam Freitag Morgen um 4:00 Uhr auch noch Rani angereist, die ältere Schwester von Ditha und Willi, die als Kinderpsychologin an einer Schule in Bandung arbeitet. Sie hatte sich das Wochenende frei genommen, um sich mit uns zu treffen zu können.            Alle nennen uns nach niassischem Familiencomment nicht Tante und Onkel, sondern „Mama Talu" und "Papa Talu“ (= Mittlere Mutter und Mittlerer Vater), da ihr eigener Vater, der vor fünf Jahren verstorbene Ama Fati, Yunis ältester Bruder ist, der von allen Kindern der Großfamilie Zaluchu als „Papa Sa’a“(= Älterer Vater ) zu bezeichnen ist.

 Vier Tage hatten wir für Jogya in unserer Reiseplanung vorgesehen.  Und unsere Neffen und Nichten genossen die Zeit mit Mama & Papa Talu, in der sie nicht mit spitzem Finger ihre verbliebenen Rupiahs zählen mußten, sondern mit uns in die Restaurants fuhren, in denen sie schon immer einmal essen wollten. Auch wir genossen die Zeit mit den jungen Leuten und hatten reichlich Gelegenheit, mit ihnen über ihre Zukunftspläne zu sprechen.  

Heri (24) will im Juni 2010 sein Architekturdiplom in Händen halten. Er schreibt gerade an seiner Diplomarbeit.  Über seine berufliche Zukunft hat er noch keine konkreten Pläne. Aber er hat in Jogya schon eine feste „Cewek“, eine Freundin, die da wohl ein Wörtchen mitreden wird. Seine Yesti,  Studentin aus Gunung Sitoli braucht noch einige Semester, bis sie mit ihrem Studium fertig ist. Und sollten sich Heiratspläne verdichten, dann werden wohl erst die Väter der Familienclans in Nias ihre Köpfe zusammen stecken. Vorerst tun die mal so, als wüßten sie von nichts.                                                                                                                                   Dagegen hat Rani (29) mit Adi den Mann ihrer Wahl schon gefunden, ist verlobt und will im November 2010 heiraten. Mama Fati ist einverstanden. Rani bittet uns zu helfen, dass aus der Familie ihres Vaters  in Nias Ama Rini zu dieser Hochzeit kommen wird.  Wir versprechen, das in Nias zur Sprache zu bringen. Rani wird nach der Hochzeit wohl nach  Jayapura /Westpapua übersiedeln, wo ihr Adi als Ingenieur arbeitet.  Schön, dass wir sie noch einmal getroffen haben, denn Jayapura liegt an der Ostküste Neuguineas, und das ist 3500 km von Java entfernt.   

Ditha, mit ihren 23 Jahren mehr Teenie als Twen, studiert mit nicht allzugroßer Lust Betriebswirtschaft, jobbt nebenbei, um sich auch  private Wünsche erfüllen zu können. Sie hat mit dem lustigen Aga einen festen „Cowok“, einen Freund, der bald mit seinem Studium fertig ist und wohl nach Jakarta zurückkehren wird. Wie es mit beiden weitergeht, das konnten die beiden uns noch nicht verraten. Sie wissen es selbst wohl noch nicht.

Willi (20), der von allen geliebte „kleine“ Bruder  von 1,77 m kommt ganz gut mit seinem Studium voran, wäre da nicht die Musik und seine Leidenschaft für sie. Bass oder Schlagzeug, er spielt beides recht passabel. Just am zweiten Tag unseres Besuchs hatte er einen Auftritt mit seiner Gruppe auf einem Nachwuchs-wettbewerb, der open air vor einem der angesagten Musik-Cafes von Jogya stattfand. Wir mieteten ein Taxi und fuhren hin. Die Zuschauerzahl hielt sich in Grenzen, da es den ganzen Nachmittag regnete und nicht aufhören wollte. Willi und seine „poor boys“ ließen sich nichts anmerken und legten sich mächtig ins Zeug. Die Jury war nicht ganz zu überzeugen, seine Band landete nur auf Platz Nr. 4, wie er uns am  nächsten Morgen berichtete. Es half auch nichts, dass er das Promo- Kapuzenshirt seines Cousins Sebastian angezogen hatte, das wir ihm mitgebracht hatten. Es blieb aber trotzdem fortan sein Lieblingsshirt, das bei allen möglichen Gelegenheiten getragen wurde.

Zu touristischen Ausflügen blieb  wenig Gelegenheit, zumal die Regenzeit jeden Tag  mit heftigen Regengüssen versorgte. Gott sei Dank machte der Regen eine  Pause, als wir das Grab von Ama Fati ,Yunis Bruder besuchten, das inzwischen eine schöne Grabplatte aus schwarzem Marmor bekommen hat. Wir waren ja nicht zum sightseeing nach Jogya gekommen und so waren wir auch mit den familiären Begegnungsattraktionen ganz glücklich.

Der „Zwischenstopp im Studentenheim“ ging zu Ende.  Am Montag hatten die jungen Leute schon wieder ihre Studientermine auf dem Kampus der Universität und unser Flug nach Bali war schon bei Garuda gebucht. Montag nachmittag landeten wir  nach einem Flug von 40 Minuten auf dem Airport  von Den Pasar in Bali.

Alle Fotos zu Jogyakarta: 

Bali

Montag, 15. Februar 2010

Unser letzter Besuch in Bali liegt neun Jahre zurück.  Damals als kurze Zwischenstation für einen unvergessen schönen Strandurlaub auf der Nachbarinsel Lombok.  Dieses  Mal hatten wir  für die nächsten zwei Tage  in Kuta-Tuban ein  Zimmer im Hotel  Melasti Beach Cottage gebucht, einem älteren Hotel im balinesischen Stil und bekamen auch einen großzügigen Superior Room mit AC,  Balkon und dem Blick auf den schönen tropischen Garten mit swimmmingpool. Vom Rummel der touristischen Hauptstraße am Eingang des Hotels war kaum etwas zu hören. Das Wetter war balinesisch schön – die erwartete Regenzeit ließ hier noch auf sich warten. Uns war das nach den Regentagen in Jogya gerade recht. Am  Mittwoch  wollten wir einen zweitägigen Nostalgiebesuch an den Strand von  Candi Dasa machen.  Ab Freitag dann, wenn  Nichte Fati und Han dann genügend Zeit für uns hatten, vielleicht gemeinsame Unternehmungen zum Wochenende.  So die Planung.

Fati, Han und Yangyang 

2010 gibt es ja klare Prioritäten: Unsere Nichte Fati hatte vor zwei Jahren  ihren Freund Han geheiratet, der im Customer-Service von Novotel in Bali arbeitet. Seit Dezember 2009 sind Fati und Han glückliche Eltern eines kleinen Jungen, der Yangyang gerufen wird. Also höchste Zeit für einen Besuch. Außerdem würden wir hier auch Ina Fati, Yunis Schwägerin treffen. Wie telefonisch vereinbart,  besuchte uns am späten Nachmittag  die junge Familie im Hotel. Freude rundum über das Wiedersehen mit Fati, Ina Fati und die erste Begegnung mit Han, den wir als sehr sympathischen jungen Papa kennenlernen. Und  natürlich den kleinen Yangyang  der total zufrieden auf dem Arm seiner Oma  schlief. Ein wunderbarer Babyboy!

So ganz unbeschwerte Freude  will nicht aufkommen: Fati leidet seit Yangyangs Geburt  an einer Lähmung, und kann sich nur mühsam mit Krücken bewegen.  Auch eine entsprechende Versorgung des Babys ist ihr nicht möglich.  Gott sei Dank gibt es eine Oma wie Ina Fati, die Zeit und Kraft hat, in einer solchen Situation Babyversorgung und Haushalt übernehmen zu können.

 Wir wußten von der Malaise schon vorher, hatten aber gehofft, dass sich Fatis Zustand inzwischen schon merklich gebessert hätte. Aber diesen Status der Behinderung hatten wir nicht mehr erwartet. Wir sind schockiert.  Ein eingeklemmter Nerv sei wahrscheinlich die Ursache der Lähmung. Die teure klinische Physiotherapie hatte nicht viel bewirkt und alle hofften nun  einfach auf sich ereignende Besserung. Wir dagegen meinten, dass man solche Lähmungen auf keinen Fall unbehandelt lassen dürfe. In Indonesien hat man doch uralte Erfahrung mit Behandlungen in solchen Fällen…. Die gibt es natürlich nicht bei den Doktoren der Städt. Klinik, die nur ihre  Diagnosen und Physiotherapien  verkaufen wollen, sondern in den Dörfern oder Stadtvierteln mit traditioneller Medizin. 

Es machte "Klick" bei Han. Er weiß  von einem Dukun ( Heiler traditioneller Medizin) etwa          65 km weit  in den Bergen beim Hinduheiligtum von Besakih, von dessen erstaunlicher Behandlungskunst man in seinem Freundeskreis erzählt hat. Zu dem müßte man hinfahren. Schnell hat Han die Adresse und Telefonnummer ermittelt und einen Behandlungstermin  am nächsten Donnerstag erhalten. Für die Kosten der Aktion wollen wir aufkommen.  Um es  vorweg zu nehmen, der Besuch in Besakih wird ein voller Erfolg.  Doch davon später.


Mittwoch, 17. Februar 2010

Nostagiebesuch in Candi Dasa                                                                                                                                                                                         Für  Mittwoch bis Freitag hatten wir zwei Nächte in Candi Dasa vorgesehen. Candi Dasa ist ein kleiner Badeort an einer wunderschönen Bucht im Westen von Bali, eineinhalb Autostunden von Kuta entfernt.  1987 bei unserem ersten Besuch in Bali hatten wir mit unseren Kindern Christof und Sebastian, damals 10 und 7 Jahre alt, einen unvergessenen Strandurlaub verbracht. Das ist 23 Jahre her.  Damals war Candi Dasa noch ein Insidertipp. Jetzt wollten wir sehen, was aus dem damals ganz jungen Badeort geworden war.

 „Puri Pandan“,  die kleine Hotelanlage  von damals mit ihren einfachen Cottages  in dem schön gepflegten Garten  gab es noch. Es tmacht einfach Freude zu sehen, mit welch kunstvoll handwerklicher Aufmerksamkeit die Balinesen ihr Ambiente zu gestalten wissen.  Alles soll so schön sein, dass auch die Götter Freude daran haben.  Gut für die Gäste, dass die Cottages inzwischen mit AC ausgestattet sind und ein einladendes Restaurant direkt über dem Strand errichtet wurde. Aber den herrlichen Strand mit dem Riff direkt davor, den gibt es leider nicht mehr.  Um zu verhindern, dass sich das Meer das Land  mit den  Hotelgärten holte, hatte man steinerne Wellenbrecher ins Meer gebaut, die der Partie ihren ursprünglichen Charme nehmen.  

 „Man steigt nie zweimal in denselben Fluß“, hat schon der Philosoph Heraklit bemerkt. Also wunderten wir uns auch nicht allzu sehr, dass Candi Dasa sich verändert hatte. Nicht nur zu seinem Nachteil. Es gibt inzwischen viele und schöne Hotels und Restaurants. Wir aßen sehr gut zu Abend im Restaurant von  Ibu Puspa, der Frau des Taxifahrers, der uns von Kuta nach Candi Dasa gefahren hatte. Wie es der Zufall manchmal so will: wir waren Ibu Puspa eventuell schon vor 23 Jahren begegnet, als sie damals als junges Mädchen im Restaurant des  Hotels Puri Pandan als Bedienung gearbeitet hatte. Auch jetzt bediente sie uns wieder mit herzlicher Freundlichkeit –  diesmal allerdings in ihrem eigenen Restaurant. Ihr kleines, preiswertes Restaurant sei hiermit allen Candi Dasa–Besuchern tunlichst empfohlen.

Eine Stippvisite machten wir auch im Hotel „Candi Beach Resort“ , etwas außerhalb des Orts gelegen. Christof und Julia hatten dort ihren Urlaub im Sommer 2009 verbracht und waren ganz begeistert davon. Eine überaus gepflegte Vier-Sterne-Anlage direkt am Strand, die nicht umsonst bei Meiers Weltreisen zu buchen ist. Einen etwas größerer Geldbeutel muss man allerdings schon mitbringen. Überhaupt sind die Vier-Sterne Hotels auf Bali nicht gerade billig, wenn man nicht irgendeinen Promotion-Preis im Internet erwischt hat. Aber für dieses Geld wird in Bali ein Service und ein Ambiente geboten, das man anderswo eventuell so nicht bekommen kann. Wahrscheinlich wird man in diesen teureren Anlagen auch von den periodischen Stromausfällen verschont, die man in preiswerteren Unterkünften immer wieder erleben kann. Das kann jedoch auch ganz romantisch sein, wenn man schon vor dem Stromausfall in einem Restaurant am Strand sitzt mit Blick auf das nächtliche Meer und nun bei Kerzenlicht sein Bier trinken darf .  Das Leben  kann so schön sein – auch ohne elektrischen Strom, aber bitte nicht zu lange!

 Freitag, 19. Februar 2010

Weekend mit Fati ohne Krücken                  

Freitag- Nachmittag waren wir wieder zurück in Kuta. Für die nächsten vier Tage hatten wir im Green Garden-Hotel in Tuban in der Jalan Kartika ein Zimmer gebucht. Auch das Green Garden ein gut geführtes Hotel, das offensichtlich vor allem bei Australiern beliebt ist. Ein komfortables Zimmer mit Balkon  im zweiten Stock  ließ keine Wünsche offen – fast: Den Blick in den schönen Garten vom Melasti-Hotel vermissten wir allerdings schon. 

Aber soviel Zeit auf dem Hotelzimmer blieb uns gar nicht. Wir hatten ein Wochenende mit der kleinen Familie von Han und Fati vor uns. Da warteten überglückliche junge Leute und eine  sehr erleichterte Ina Fati auf uns. Umarmung und berechtigte Glückstränen in den Augen. Telefonisch waren wir ja schon vorher von dem „Wunder“ informiert worden: Fati konnte nach ihrem Besuch bei dem Heiler in Besakih wieder ohne Krücken gehen!  Der Dukun hatte in einer kurzen  chiropraktischen Untersuchung den geklemmten Nerv an der Wirbelsäule lokalisiert und mit einem entschlossenen Ruck die Wirbel wieder geordnet. Die ganze Behandlung dauerte keine fünf Minuten. Aber danach konnte Fati ohne Krücken zum Auto gehen,  allerdings sehr langsam und vorsichtig. Aber es klappte. Es war unglaublich. Einen so schnellen Erfolg hatten wir nicht erwartet.

Auch Han war natürlich in Hochstimmung und hätte uns an diesem Wochenende am liebsten ganz Bali gezeigt. Wir machten zunächst eine  fröhliche Fahrt nach dem Ausflugsort Bedugul in den Bergen, wo ein gepflegter Naturpark Götter und Menschen erfreuen sollte. Nur das Wetter wollte nicht so recht mitspielen. Dicke Regenwolken sammelten sich an den Berghängen und es empfahl sich eine Rückkehr in die sonnenbeschienene Ebene von Südbali.

Ich habe noch keinen Indo-Chinesen getroffen,  für den gutes Essen kein Thema gewesen wäre. Han ist chinesischer Abstammung, und so war es nicht verwunderlich, dass er in Kuta für alle möglichen kulinarischen Spezialitäten bestimmte Adressen kannte, zu denen er uns einlud. Das waren keineswegs die großen Restaurants an den touristischen Hauptstraßen von Kuta, sondern kleine Garküchen in den Seitenstraßen, in denen man eben das beste Bakmie Goreng oder den leckersten Grillfisch bekam.  Und „Papa und Mama Talu“ liessen sich da gerne mitnehmen. Natürlich freute Han sich auch riesig, dass er mit  Fati und Yangyang  endlich etwas unternehmen  konnte. Auch Ina Fati war während der letzten zwei Monate nicht aus der kleinen Wohnung gekommen, in der  sie Tochter Fati und das Baby zu versorgen hatte.  Auch sie genoss das Wochenende mit uns. Für den kleinen Yangyang war das so oder so kein Problem. Er war wohlumsorgt bei allen Unternehmungen dabei. An den hübschen Buggy  - unser Geschenk für ihn – hatte er sich schnell gewöhnt und fand ihn offensichtlich ganz komfortabel.  Seine Eltern übrigens  auch.                                                                                                                        


Sonntag, 21. Februar 2010       

Sonntagsmesse in Bali

Ganz in der Nähe unseres Hotels , mitten in der Touristenzone von Kuta-Tuban, liegt die katholische Kirche St. Franziskus Xaverius  von Kuta, ein respektabler Neubau, der vor etwa zwei Jahren fertiggestellt wurde. Wir hatten uns dort zur Sonntagsmesse um 9:00 Uhr mit Han & Familie verabredet und staunten doch, wie viele Katholiken es in Kuta gibt. Wir fanden eine große bis auf den letzten Platz gefüllte Kirche, in der ein ansprechender Gottesdienst abgehalten wurde.  Die Gemeinde besteht wohl aus Indonesiern aller Inseln und nicht nur aus Balinesen. Auf eine wohlgeordnete Liturgie legt man Wert .  Auch in Kuta -  wie in der Kathedrale von Surabaya - wurde von der Schola eine lateinische Choralmesse gesungen. Überhaupt ist die Wertschätzung euro-katholischer Frömmigkeits-formen ungebrochen, bis hin zu den kitschigen Marien- und Heiligenfiguren südeuropäischer Machart. Es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bis die Kirche in Bali genügend Selbstbewußtsein besitzt, ihrem eigenen  künstlerischen Ausdruck zu vertrauen, um sich darin wiederzufinden.

Zunächst scheint der soziale Zusammenhalt der Gemeinde das wichtigere Thema zu sein.     Ein Blick in den Gemeindebrief zeigte, dass die Gemeinde ganz offenbar viele soziale Aktionen betreibt, z.B. eine Jobbörse für arbeitssuchende Gemeindemitglieder in Kuta, von der Hotelsekretärin bis zum Anlagengärtner oder der Zugehfrau. Ob man auch soziale Löhne bezahlt, war natürlich da nicht zu erfahren.

Nach der Sonntagsmesse und einem kleinen Mittagessen in einer chinesischen Garküche, waren wir bereit für einen Sonntagsausflug. Ein Besuch des berühmten Strandtempels von Tanah Lot bot sich an. Auch diese Attraktion hatten wir vor 23 Jahren schon einmal besucht. Damals fünf Stunden zu Fuß am Strand entlang von Kuta aus,  dieses Mal in einem komfortablen Minivan. Aber  was für eine Veränderung vor Ort!  Ströme von Besuchern.  Der Tempel selbst war noch 2010 so bezaubernd schön wie damals.  Das Ambiente aber war touristisch total erschlossen. Der Ausblick auf den Tempel nur duch ein Spalier von Verkaufständen erreichbar.  Dann aber wenigstens eine schön gestaltete Treppenanlage im balinesischen Puri-Stil. Daneben eine Reihe von Ausflugs-restaurants, in denen man im Schatten von Bäumen und Sonnenschirmen sitzen konnte mit dem Ausblick auf Meer und Tempel. Sehr beliebt ein Trunk aus jungen Kokosnüssen, der direkt für die Gäste serviert wird. Wir genossen einen herrrlichen Sonntagnachmittag, bevor wir nach Kuta zurückkehrten. 

Han mußte am Montag wieder in sein Büro in Nusa Dua, und wir machten an diesem Montag einen ausgedehnten Spaziergang am langen Strand entlang von Tuban bis Seminyak. Körperliche Bewegung war  in den vergangenen Tagen etwas zu kurz gekommen. Die Seeluft und der lange Spaziergang taten gut. Es war Nebensaison in Bali – eine saure Gurkenzeit für alle, die vom Tourismus leben. Die kleinen und großen Restaurants warteten auf Kundschaft. Zwei Frauen, die Strandmassagen anbieten, erzählten uns, wie hart das Leben am Traumstrand von Kuta sei, wenn man drei Kinder zu versorgen hat. Auch in Kuta geht das nur, wenn Mann und Frau etwas verdienen.  Sie sind eigentlich Bäuerinnen aus einem Dorf in den Bergen. Aber die  Felder des Dorfes reichen nicht aus, um alle zu ernähren. Der klassische Grund vom Dorf in die Stadt zu ziehen, in Bali  genauso wie auf der ganzen Welt.

Dienstag, 22. Februar 2010

Der Dukun von Besakih                                       

Dienstag war für Fati reserviert. Die zweite von insgesamt drei empfohlenden Besuchen bei dem Dukun in Besakih sollte erfolgen. Yuni und ich wollten dabei sein.  Das war Han sehr recht, da er selbst in dieser Woche beruflich sehr gefordert war. Wir fuhren also mit einem Taxi nach Besakih am Fuße des gewaltigen Vulkans Gunung Agung, wo der allen Balinesen heilige Zentraltempel der dreifaltigen Hindu-Gottheit Brahma-Wishnu–Shiva liegt. Im Dorf unterhalb der Tempelanalge hatte der Dukun seine „Praxis“. Jeden Tag ab zwei Uhr nachmittags behandelt er alle Kranken,  die ihn um Heilung gebeten haben. Man bekommt telefonisch für einen bestimmten Tag eine Nummer und eine ungefähre Uhrzeit zugeteilt. 

In der Wartehalle des Hauses saßen schon viele Leute. Aber Fati brauchte nicht lange zu warten,    da ihre Nummer schon überfällig war.  Zuvor hatte sie in einem kleinen Shop vor der Puri des Dukuns eine Opferschale mit Blumengebinde gekauft. Die gab sie samt einem dazugelegten       Rp. 50.000,- (€ 5,-) Schein dem Priester der Puri, der ein Bittgebet sprach und  Fati zum Dukun  nebenan schickte.  Der saß mit untergeschlagenen Beinen ganz entspannt und freundlich auf der Veranda seines Hauses. Er erkundigte sich kurz bei Fati nach ihrem Befinden und tastete nach der empfindlichen Stelle am Rückgrat. Danach zog er mit einem kurzen Ruck Fatis Arme hinter dem Rücken zusammen. Es gab einen hörbaren Knacks, der von allen Zuschauerinnen mit einem mitfühlenden  Seufzer kommentiert wurde.  Aber danach konnte Fati  alleine aufstehen und sich ohne Schmerzen bewegen.  Der Dukun riet ihr noch zur Vorsicht und empfahl einen weiteren Besuch in der nächsten Woche.

Yuni war so fasziniert von dem Vorgang, dass sie sich auf die Verandatreppe setzte, um dem Dukun bei seiner Arbeit noch ein wenig zuzusehen. Sie sah zu, wie ein schlimmer Armbruch behandelt wurde und ein alter Chinese, der wegen seiner Fußschmerzen zum Dukun getragen werden mußte, nach derBehandlung auf eigenen Füssen zum Auto zurückging. Es war echt erstaunlich, was sich da offensichtlich jeden Tag abspielt. Es gibt keine Bezahlung oder Rechnung für die Behandlung. Jeder spendet der Puri nach seinem Vermögen.

Fati war so glücklich. Am Abend nach unserer Rückkehr nach Kuta konnte sie schon ohne größere Schwierigkeiten ihren kleinen Yanyang versorgen, und Ina Fati begann sich schon mit einem Termin ihrer Rückkehr nach Jogya zu befassen. *)

Für uns war das auch ein glücklicher Abschluss unseres Besuches in Bali, und unserem Empfinden nach wurde es Zeit für die Reise nach Nias. Am Dienstagabend dann ein herzlicher Abschied von unserer Bali-Familie mit vielen Grüßen nach Nias und

Mittwoch, 24. Februar 2010

Am sehr frühen Morgen ging unser Flieger (BATAVIA AIR ) nach Medan mit einem  zweistündigen Zwischenstopp in Jakarta. In Medan dann eine Übernachtung im noblen Hotel „Danau  Toba“.  Dank der besonderen geschäftlichen Beziehungen unseres Freundes Ama Dewi aus Lahewa – hatten wir dann doch noch einen Flug nach Nias  buchen können. Zwar nicht bei MERPATI, sondern bei RIAU-AIRLINES. Das war  mit  Rp. 660.000,- pp (€ 50,-) etwas teurer als bei Merpati, aber  Nias kam endlich näher. Schon in der Wartehalle des Flughafens Medan waren gelegentlich niassische Sprachbrocken zu hören. .. Hadia duria? Wie geht’s?                                                                                                                 

Alle Fotos zu Bali:

*) Mitte April 2010, wo ich diesen Bericht schreibe, ist Ina Fati längst zurück in Jogya, und Fati kann ohne Mamas Hilfe ihre kleine Familie allein versorgen.


Nias____________________________________________________________________________

Einen allgemeineren Bericht von den Eindrücken unseres Nias-Besuchs ist hier zu lesen:

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Der folgende Teil des Reiseberichts mit dem Titel„Ya'ahowu ist mehr privaterer Natur. _

Donnerstag, 25. Februar 2010

Endlich in Nias! Wir sind da. Man hört es. Wir sind zwar immer noch in Indonesien, aber ab jetzt ist Niassisch selbstverständliche Umgangssprache – auch zwischen Frau und Herrn Sturm -  und Deutsch ist für die nächsten drei Wochen eine selten praktizierte Fremdsprache.  Ich bin erstaunt, wie schnell wir nach so langer Zeit wieder in den niassischen Alltag eingetaucht sind.  An das alltägliche heiß-feuchte Klima allerdings, wird sich vor allem Yuni nicht so schnell wieder gewöhnen können.   Davon wird noch zu berichten sein.  

Yunis  Cousin Ama Agus und  Neffe Tian holen uns am Flughafen Bhinaka ab und bringen uns nach Gunung Sitoli. Schon auf dem Weg dorthin machen wir große Augen. Gut asphaltierte Straßen und reger Verkehr, der in Stadtnähe immer belebter wird. Von den Zerstörungen des Erdbeben vor fünf Jahren kaum noch etwas zu sehen.  Aber zunächst  hat die Begegnung mit der Familie in Gunung Sitoli  unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.  Im Hause von Ama&Ina Agus sind wir zum Essen eingeladen, bevor wir dann am frühen Nachmittag nach Lahewa aufbrechen können. Unsere Nichte Risna, die in G.Sitoli aufs Gymnasium/Oberstufe (SMA) geht,  wird noch aus dem Internat abgeholt und fährt mit uns.                                                                                                                                                                         Autofahren in Nias 2010 macht Freunde:  Nach gut einer Stunde Fahrt sind wir schon in Lotu, dem Zentrum des neu errichteten Regierungsbezirks (Kabupaten) Nord–Nias. Dort treffen wir Ama und Ina Rini in schönster Festkleidung. Die Wiedersehenfreude läßt sie die gerade überstandenen Strapazen des vergangenen Vormittags  vergessen: Ama Rini, der aus dem Schuldienst in den Regierungsinnendienst  von Nord-Nias gewechselt ist, wurde heute mit 200 anderen Kolleginnen und Kollegen in ihren neuen Funktionen vereidigt. Eine offizielle über drei Stunden dauernde Zeremonie, die alle Teilnehmer stehend  „überstehen“ mußten – bei über 30° Mittagstemperatur. Das aber ist nun vorbei und gemeinsam geht es nun „nachhause“  in das 30 km entfernte …..

Lahewa      

Dort wartete auf uns Ina Risna, Yunis jüngere Schwester. Ihretwegen war es höchste Zeit nach Nias zu kommen.  Ihr Mann, Ama Risna, war im Juni 2009 an einem Gehirntumor gestorben.   Das Wiedersehen mit uns rührt schmerzlich an die kaum verheilte Wunde  über den Tod  Ama Risnas.  Wir konnten ja vor acht Monaten nicht beim Begräbnis dabei sein, uns so wir brauchen alle etwas Zeit, bis die Tränen geweint sind und die Gefühle sich etwas beruhigt haben.  Danach aber überwiegt die Freude über das Wiedersehen. Alle sind da,  Rini, Tian, Ama & Ina Rinis Kinder - nur Niko werden wir erst in einer Woche treffen.  Ina Risnas Kinder Risna, Hanes und Yesti,  Freunde und Nachbarn, sind gekommen, um uns zu begrüßen.  Und immer wieder die Frage, wo sind Christof und Sebastian?  Warum kommen sie nicht mit?  Aber die kleine Nati hätten wir doch mindestens mitbringen können und nicht nur die Fotos, die wir mitgebracht haben. Ja, es gab viel zu erklären und zu erzählen……..und es wurde ein langer Abend…..                                                                                                         

Freitag, 26. Februar 2010

Ama Risna in memoriam    

Am Morgen besuchen wir mit der ganzen Familie das   Grab Ama Risnas auf dem Friedhof  hinter der neuen Kirche von Lahewa.  Ama Risna war ein sehr beliebter und geschätzter Mann in Lahewa  und wurde  im Juni 2009 unter ungewöhnlich großer Anteilnahme der Einwohner Lahewas zu Grabe getragen. Seit  über 20 Jahren ein vorbildlicher Lehrer der Kath. Grundschule SD Daya Baru, hatten viele jungen Leute in Lahewa bei ihm ihr schulisches Einmaleins gelernt.  Die katholische Gemeinde trauert noch jetzt einem ihrer besten Männer nach: immer wieder in den nächsten Wochen werden wir hören, wie sehr man den Tod von Ama Risna bedauert. Eine Lücke, die  nicht so schnell geschlossen werden könne…

Ina Risna  tut sich schwer mit dem Verlust ihres Mannes und der alleinigen Verantwortung für  die drei Kinder Risna(16), Hanes (13) und Yesti (9). Die sind sehr tapfer und  lassen sich die Trauer äußerlich nicht anmerken. Ich denke, es hilft ihnen, dass sie bei ihrem Sibaya (Mutterbruder) Ama Rini schon von kleinauf ein zweites Zuhause gehabt haben und dort selbstverständlich ein- und ausgehen. Gott sei Dank hat Ina Risna als Hebamme und Krankenschwester ein eigenes gutes Einkommen und ist nicht auf die geringe Rente ihres verstorbenen Mannes angewiesen.  Aber es wird noch einige Zeit vergehen, bis sie sich mit ihrem Schicksal ausgesöhnt haben wird. Unser Besuch, das tägliche Zusammensein mit Yuni, der Schwester, und die sich ergebenden Gespräche mit ihr können dabei vielleicht ein wenig helfen, so unsere Hoffnung. Auf dem Weg zurück vom Grab treffen wir vor der Kirche P. Silvester Halawa, den derzeitigen Pastor von Lahewa, der sich außerordentlich freut, uns einmal persönlich zu begegnen.  Es gibt einiges zu erzählen aus alten Zeiten: P. Silvester war  ein Klassenkamerad von Yunis  verstorbenem Bruder Ama Fati. Und sie kennt P. Silvester noch aus Schülerzeiten in Gunung Sitoli vor vierzig Jahren.  Wir sind nächste Woche zu einem Abendessen in der Pastoran  eingeladen….

Ture Galökö

Am frühen Nachmittag fahren wir mit zwei Autos nach Tureloto, das etwa 6 km entfernte Stammdorf der Zalukhu-Sippe. Dort wollen wir zunächst das Grab der Eltern Ama & Ina Gamara besuchen. Danach wollen wir  gemeinsam am Strand von Ture Galökö  den Tag ausklingen zu lassen. Das neue Ture Galökö ist ein idyllischer Lagunenstrand - nordwestlich von Lahewa, der durch das Erdbeben 2005 entstanden ist. Das Beben hatte ja vor allem den Norden der Insel Nias in einem gewaltigen vertikalen Ruck um bis zu drei Metern angehoben und durch das Anheben des Meeresbodens neue Strandlinien geschaffen.  Alte schöne Strände haben dadurch ihre Attraktivität eingebüßt, neue topics sind entstanden.  Ture Galökö gehört dazu. Während die Woche über die Lagune vor allem den einheimischen Fischern von Tureloto gehört, kommen jeden Samstag und Sonntag hunderte Besucher aus  Gunung Sitoli mit Autos und Motorrädern hierher, um das Wochenende zu verbringen.

 Ama & Ina Dewi Zalukhu, eine junge Familie aus der näheren Verwandtschaft hat in Ture Galökö  einen kleinen Kiosk direkt am Strand.  Dort kehren wir ein. Während die Kinder in der Lagune schwimmen und plantschen, wird frisch gefangener Fisch zubereitet und gegrillt. In Chili und Soyasauce  getunkt, ein köstliches Gericht. Das Leben kann so lecker sein! Aber die Sonne will schon untergehen und wir müssen zurück nach Lahewa, nicht ohne einen kurzen Besuch bei Ama Ame zu machen, Yunis ältestem Cousin, dem derzeitigen Sippenchef der Zalukhus. Damit sind wir offiziell in der Großfamilie angemeldet.  Wir werden vor unserer Abreise noch einmal in seinem Haus eingeladen sein.

 Sonntag, 28. Februar 2010

Sonntagsmesse

in der neuen Kirche von Lahewa.    Eine zahlreiche Gemeinde und ein schöner Gottesdienst in dem großen und hellen Kirchenraum, der aber etwas leer und kahl wirkt und dringend auf eine künstlerische Ausgestaltung wartet. Vielleicht sollte man sich an den neuen Kirchen  von Gunung Sitoli und Teluk Dalam ein Beispiel nehmen. Aber die Gemeinde muss ja froh sein, dass es nach dem Erdbeben möglich war, die neue Kirche in so kurzer Zeit fertig zu stellen. Ich hatte bei unserem letzten Besuch 2006 meine Zweifel bei all der Aufbauarbeit, die sonst noch zu leisten war. Die neue stattliche Kirche steht weithin sichtbar - und erdbebensicher - auf einer Anhöhe über dem alten Kirchplatz.  Der Kirchplatz selbst wartet noch auf seine Gestaltung. Derzeit wird auch da gebaut: die Fundamente der neuen Pfarraula werden gerade ausgehoben.  Von der ursprünglichen Gebäudesubstanz der alten Pastoran St. Fidelis ist nichts mehr übrig.   

Auch die Sonntagsgewohnheiten haben sich geändert: Der sonntägliche Kirchgang war in früheren Zeiten noch ein echter „Sonntagsausflug“ der Gemeindemitglieder, die zum Teil einen Fußweg bis zu einer Stunde zurücklegen mußten. Nach der Messe traf sich die Jugend zum Sport oder Chorproben, und die Älteren machten Familienbesuche oder erledigten noch einen Einkauf in den Geschäften auf dem Pasar, bevor man sich am frühen Nachmittag auf den Heimweg machte.  2010  hatte sich das Kirchengelände eine viertel Stunde nach dem Gottesdienst geleert. Die meisten Gemeindemitglieder sind mit Honda oder Auto zur Kirche gekommen und auch schnell wieder auf dem Weg nachhause. Die allgemeine Motorisierung hat auch die Sonntage verändert.                                                                                                                                                                                                              Die Veränderung in Lahewa ist wirklich nicht zu übersehen. Gleich am Ortseingang hat die staatliche Erdölgesellschaft „Pertamina“ eine moderne Tankstelle installiert, die genau so gut in Medan oder Surabaya stehen könnte. Ein paar Häuser weiter, hat eine Bank ihre Filiale plaziert – Überweisungen und Geldeinlagen müssen nicht extra in G.Sitoli getätigt werden.   Das Warenangebot der Geschäfte kann sich sehen lassen. Der Wiederaufbau der Schulen ist abgeschlossen.

Auffällig dagegen an dem sich verändernden Lahewa ist der Zustand der alten Hafenstrasse. Nur ein sehr zögerlicher Wiederaufbau ist zu sehen. Nur Ama Dewi hat sich entshlossen ein neues zweistöckiges Wohnhaus zu errichten. Einst die Strasse mit den staatlichsten Häusern und den finanzkräftigsten Bewohnern, den indo-chinesischen Geschäftsleuten und den muslimischen Händlern. Das Erdbeben hatte sie am härtesten getroffen. Der Hafenkai ist inzwischen wiederaufgebaut besser denn vorher. Aber kaum noch ein Schiff legt an. Die Geschäfte laufen nicht über den Hafen. Der Warenverkehr wird über die Strasse von und nach G.Sitoli abgewickelt.

Ama Dewi, der „King of Coconuts“ vor Ort, erzählt mir: Die Produktion von Kokosnuss-Palmöl, der Grundlage für Lahewas Wohlstand,  sei erheblich zurückgegangen. Man weiß nicht genau, ob das  nach dem Erdbeben mit dem gesunkenen Grundwasserspiegel zu tun habe, dass die Palmen geringere Erträge aufweisen oder ob in der Vergangenheit versäumt wurde, die Bestände der Kokospalmen zu verjüngen. Sicher ist, dass der Preis für den Liter Palmöl auf dem Weltmarkt sehr gefallen ist. Das Öl der Kelapa Sawit, der Sawit-Palme ist billiger, weil einfacher zu produzieren.

Der Neubau der kath. Grundschule  SD Daya Baru zeigt nach zwei Jahren allerdings schon unschöne Abnutzungserscheinungen: die Baufirma hat offensichtlich die billigste Außenfarbe verwendet, die es zu kaufen gab. Ja, die Qualität und die Nachhaltigkeit des Wiederaufbaus wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Mit dem Abriss der alten Pfarraula St. Fidelis hinter der Grundschule ist das letzte Bauwerk aus meiner Zeit von 1975 verschwunden. Sic transit gloria mundi! Aber eine neue Aula an anderer Stelle ist schon im Bau. Ich hoffe, dass sie auch 35 Jahre ihren Dienst tun kann.            

 Dienstag, 02. März 2010

Besuch in Sirombu - Mandrehe (Westnias)  

Ina Risna hat sich gewünscht, dass wir mit ihr und ihren Kindern in das Heimatdorf ihres verstorbenen Mannes fahren nach Mandrehe, in Westnias. Wir fahren gerne mit. Ein Besuch an der Westküste in Sirombu stand schon vorher auf der Wunschliste. Nun liess sich beides gut verbinden.  Wir werden mit zwei Autos fahren. Als Vertreter der Zalukhu-Sippe fährt Ama Rika mit und auch Ina Rini fährt mit, da sie auch noch nie in Westnias war. Es wird allerdings ein langer Tagesausflug werden. Von Lahewa geht es zunächst nach Gunung Sitoli und von da aus quer über die Insel nach Westen.  

Tian, unser Chauffeur, kennt die Strecke sehr gut, da er bis vor kurzem noch im Team der BRR (Wiederaufbaubehörde) den Strassen- und Brückenbau in Zentralnias zu überwachen hatte. Nias ist zum größten Teil eine sehr bergige Insel, die den Strassenbauern schon seit holländischen Zeiten viel Kopfzerbrechen bereitete.  So war an manchen Stellen die neu fertig gestellte Trasse schon wieder am Abrutschen, weil einfach kein fester Unterbau zu bekommen war. Aber trotz dieser Misslichkeiten, die fertige Straße durch Mittelnias hat diesem Teil der Insel die Anbindung an die Hafenstadt Gunung Sitoli gebracht und für einen ökonomischen Aufschwung gesorgt. Wir sehen es überall auf unserer Fahrt zur Westküste.

Es ist schon 12:00 Mittags und die Sonne brennt auf die Köpfe, als wir Sirombu erreichen. Nur wenige kleine Häuser sind an dieser herrlichen Bucht zu sehen. Die BRR hat einen neuen Kai gebaut, an dem die Schiffe an legen können. Aber den ehemals geschäftigen Hafenort Sirombu gibt es nicht mehr. Er wurde ein Opfer der Tsunami-Katastrophe von Weihnachten 2004. Die Bewohner Sirombus, die das Desaster überlebt haben, sind landeinwärts gezogen. Auch Kirche, Schule und Pfarrei wurden  an  einem höher  gelegenen Platz errichtet.

Wir haben nicht die Zeit, uns dort umzusehen. Wir werden im Haus der Familie Ama Risnas in Hayo erwartet. Eine überaus herzliche Begrüßung. Ina Risna und ihre Kinder gehören ja hier eigentlich zur engsten Familie. Wir sind zum Essen eingeladen und man hat uns zu Ehren ein Schwein geschlachtet. In den anschließenden Reden wird die gute Beziehung der  Familien Gulö und Zalukhu gelobt und noch einmal die Bedeutung Ama Risnas betont, dessen Tod auch seine Ursprungsfamilie in Mandrehe arg getroffen hat.  Sie sind froh, dass Ina Risna in der Lage ist, alleine für die Kinder zu sorgen. Ina Risna verspricht, so gut sie kann, auch  ihrer Verwandschaft in Mandrehe  zu helfen.

Mandrehe ist eine Gegend, in der die Leute schlecht und recht vom Kautschuk-Zapfen leben. Das Auf und Ab des Kautschukpreises auf dem Weltmarkt und das Preisdiktat der lokalen Händler bestimmt den Ertrag ihrer Arbeit und ihr Leben.  Es ist kein sehr gutes Leben. Wir sehen es recht eindringlich bei diesem Besuch und haben es nicht


Mittwoch, 03. März 2010

Wiedersehen nach 35 Jahren                                                     

Diesen Mittwoch habe ich mir für längst  überfällige Besuche  in Gunung Sitoli vorbehalten.       Da waren heute drei  Begegnungen vorgesehen: Eigentlich war ich für 10:00 Uhr vormittag mit Ama Yan verabredet. Aber das Telefonnetz von Nias funktioniert heute einmal wieder nicht, und es ist nicht klar, ob ich ihn noch treffen kann. Also wird umdisponiert und ich lasse mich von einem Motorrad-Becak zum  Museum Pusaka Nias, bringen, dem Museum für Niassische Kultur. Dort istP.Johannes Hämmerle seit einigen Jahren zuhause.  Da er über meinen Nias-Besuch nicht informiert ist, war die Überraschung groß, als ich unerwartet in seinem Büro auftauchte und ihn für ein Stündchen bei seiner Arbeit störte.                                                                                                                                                                        Seine Arbeit an der Dokumentation der niassischen Kultur hat mich immer interessiert  und ein Treffen war eigentlich schon mehrere Male geplant, aber immer kam irgendetwas dazwischen. Und so sind tatsächlich 35 Jahre vergangen, seit wir uns 1975 das letzte Mal persönlich getroffen haben. Wir beide sind Jahrgang 1941 und haben die Jahre doch recht gut erhalten überstanden.  Da gäbe es eigentlich eine Menge zu erzählen, aber nach einem kurzen Rundgang durch das Museumsgelände, hat Johannes einen Termin mit einer Besuchergruppe und  wir wollen uns eventuell noch im Kapuzinerkloster Laverna treffen. Das hat dann auch nicht mehr geklappt. Aber schön, dass es wenigstens zu diesem Treffen gekommen war.

Und dann parkt plötzlich ein etwas betagter Kleintransporter an der Einfahrt des Museums und   Ama Yan steigt aus.  Er hat mich irgendwie aufgespürt. Wunderbar! Wir sind beide sehr gerührt und happy. Seit 1975 haben wir uns nicht mehr gesehen, seit er die Elektrifizierung der Schule und Aula in Lahewa fertig gestellt hatte. Dabei kenne ich ihn eigentlich schon seit 1969. In Teluk Dalam hielt  er die schrottreifen Motorräder der Station  fahrbereit, bevor er dann 1970 mit mir nach Lahewa ging, um sich dort um die anfallenden technischen Probleme der Station zu kümmern. Dazu gehörte auch die technische und nautische Betreuung des Speedbootes „Mutiara“, das unsere damalige Verbindung nach Gunung Sitoli aufrecht erhielt. Legendär 1973 unsere waghalsige Bootstour mit der „Mutiara“ von Teluk Dalam nach Pulau Tello – ca. 60 km Fahrt nach Kompass übers freie Meer, die Jungs der Band Simaenaria an Bord…           wir trauten uns damals als junge Leute Dinge zu, die uns jetzt im Alter die Haare zu Berge stehen lassen. Dem lieben Gott sei Dank, dass damals nichts passiert ist. Aber es sind natürlich die gemeinsam bestandenen Herausforderungen, die uns bis heute unvergesslich..sind.                                                                                                                                                  

Wir fahren zu Ama Yans kleinem Haus in der Jl. Karet.  Ina Yan hat zum Essen eingeladen. Auch mit ihr ein herzliches Wiedersehn nach so vielen Jahren. Sie war schon damals Ama Yans große Liebe, und hartnäckig hat er  um sie geworben. Und siehe da: aus Töna und Hiasi wurden Ama und Ina Yan. Ich  lerne auch Roni kennen,, den jüngeren der beiden Söhne, einen studierten Informatiker, der jetzt eine Anstellung an der SMA Katolik in Gunung Sitoli gefunden hat. Yan, der älteste Sohn, auch er Informatiker von Beruf,  lebt in Jakarta. Ama Yan selbst ist inzwischen in Rente. Aber seine technischen Fertigeiten werden immer noch gebraucht. P. Barnabas holt ihn immer wieder, wenn technischer Rat gefragt ist.

Nach 35 Jahren gibt es so vieles zu erzählen und zu erklären. Die Zeit verrinnt wie im Flug. Ama Yan  muss noch seinen Koffer packen: er besteigt morgen ein Schiff nach Jakarta, um sich dort in einer Klinik untersuchen zu lassen. Er hatte vor drei Monaten bei einem Arbeitsunfall giftige Dämpfe eingeatmet und seine Lunge muß von Spezialisten untersucht werden. Wir verabschieden uns voneinander und versprechen, dass wir uns bei meinem nächsten Nias-Besuch mehr Zeit gönnen werden.

Ich habe an diesem Nachmittag noch einen Besuch zu machen. P. Barnabas ist gerade aus Sibolga angekommen und hat mich eingeladen, ihn im Kapuzinerkloster Laverna zu besuchen. Wir freuen uns, dass wir uns überhaupt noch einmal begegnen können. P. Barnabas wäre nämlich bei dem Erdbeben 2005 beinahe umgekommen, als er in den Trümmern  des Gästehauses der Pfarrei Santa Maria in G.Sitoli verschüttet wurde. Dieses Erlebnis hat ihn mehr mitgenommen, als ihm lieb war. Er, einer der unermüdlichsten Arbeiter der Diözese Sibolga, mußte kürzer treten. Sein Herz macht ihm zu schaffen.  In wenigen Wochen will er nach Deutschland reisen, um sich einen Herzschrittmacher einsetzen zu lassen. 

Jetzt sitzen wir bei einer Tasse niassischen Kaffees auf der Veranda der Kapuzinerkosters Laverna und blicken auf die herrliche Bucht von Gunung Sitoli. Es war seinerzeit P. Barnabas Idee, das Kloster auf dem Hügel über der Bucht zu errichten. Das war keine seiner schlechtesten Ideen, sage ich ihm. Wir lachen und freuen uns, dass wir uns  hier treffen konnten. Er hat nicht viel Zeit. Einige Termine warten noch.

Das Telefon funktioniert wieder, und ich frage Tian, ob wir heute noch nach Lahewa fahren können. „Ja klar!“ Das wäre vor vier Jahren noch ein Problem gewesen, aber 2010 ist das kein Thema.  Wir sind trotz einsetzender Dunkelheit in eineinhalb Stunden in Lahewa.

Freitag, 5. März 2010

Teluk Dalam Südnias

Ama und Ina Fini haben uns eingeladen, sie übers Wochenende in Teluk Dalam zu besuchen. Wir freuen uns auf Fahrt und Besuch in Südnias. Ama Fini hat uns ja den seinen neuen Toyota Mini-Van für die Zeit unseres Niasbesuchs zu Verfügung gestellt. Chauffeur Tian ist stolz, ein so schönes Auto steuern zu dürfen. Und er macht das jeden Tag besser. Für die ca 180 km von Lahewa brauchen wir  nur etwa vier Stunden Fahrt - Ich kann es kaum glauben. Der Weg führt nach Gunung Sitoli in Richtung Süden über die große Brücke von Idanögawo, vorbei an dem Abzweig nach Lahusa-Gomo in die Dörfer der Küstenstraße von Südnias. Herrliche und viel fotografierte Strandpartien bei Hilisatarö sind zu sehen, bevor wir Teluk Dalam erreichen. 

Seit 1971 war ich nicht mehr dort.  Ich kenne die Stadt nicht wieder. Aus dem abgelegenen kleinen Hafenort an der Südspitze von Nias Teluk Dalam (= „Tiefe Bucht“) mit den weithin sichtbaren Doppeltürmen der Kath. Pfarrei „Bintang Laut“ (= Meeresstern) auf den Hügeln darüber, ist eine aus allen Nähten platzende Regionalstadt geworden – laut, eng und schmutzig. Da um den Hafen kein Platz mehr ist, sind inzwischen die umliegenden Hügel bebaut  und besiedelt.

Auch das Haus von Ama & Ina Fini ist an einem Hang erbaut,  der vor vierzig Jahren nur  mit Busch und Elefantengras bewachsen war.  2010 ist hier ein Ensemble von Schulgebäuden entstanden, die nach dem Erdbeben errichtet wurden und sich noch in bemerkenswert guten Zustand befinden. Überhaupt sind überall neue Schulgebäude zu sehen. In Teluk Dalam konzentrieren sich ja  alle weiterführenden Schulen von Südnias. Auch die traditionsreichen katholischen Schulen mit angeschlossenem Jungen- und Mädcheninternat.

Wir sind Gäste von Ama & Ina Fini, die sich hier vor einigen Jahren ein stattliches Haus gebaut haben.  Ama Fini erzählt mir, dass er den einheimischen Handwerkern ganz bewußt Gelegenheit gegeben habe, ihre Kunst beim Verzieren der Hausfront zu beweisen, auch wenn das jetzt alles ein wenig protzig geworden

Ama Fini, Yunis jüngster Cousin väterlicherseits, ist ein bewundernswert  tüchtiger Selfmademan,  ein sehr sympathischer dazu, der es in seinen jungen Jahren wahrlich nicht leicht gehabt hat - sein Vater und seine Mutter starben kurz nacheinander, als er noch ein kleiner Junge war.  Heute kann man mit ihm Probleme besprechen, die weit über den Tellerrand der Insel Nias hinausgehen. Während seiner Schuljahre lebte er zeitweilig in Yunis Elternhaus in Lahewa. Seither kenne ich ihn auch.  Schon damals ein sehr kluger und fleißiger Junge, ist er jetzt ein wichtiger Mann in der Regionalregierung von Südnias und demnächst in Nordnias – auch da für Tourismus zuständig. Seine Frau stammt aus Südnias, ist eigentlich gelernte Englischlehrerin, ein Organisationstalent und jetzt zuständig für Budgetfragen des südniassischen Regional-Parlaments. Die beiden haben richtig Karriere gemacht und sind inzwischen zu einigem Wohlstand gekommen. Die Töchter Fini und Chelsea sind in Padang und Medan auf der Schule. Nur die 13-jährige Grace ist noch zuhause in Teluk Dalam.

Dies ist ein Familientreffen, auf das sich Ama & Ina Fini gefreut haben. Das Haus wird voll: Wir haben ja noch andere Gäste  mitgebracht. Außer Chauffeur Tian,  Ama & Ina Agus aus G. Sitoli, Ina Risna und Rini mit Freundin aus Lahewa.  Und obwohl die Tageshitze auch in den frühen Nachtstunden nicht abnehmen will,  wird es ein langer und lustiger Familienabend mit vielen großen und kleinen Stories aus dem Leben der Verwandtschaft, wie überall, wenn sich die Familie trifft…..

 Samstag, 6. März 2010

Bawömataluo - Sorake Beach Bintang Laut 2010

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Über Bawömataluo, das Große Haus und die Probleme der südniassischen Dörfer habe ich an anderer Stelle schon ausführlicher geschrieben
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Heute also ein Besuch im wohl bekanntesten Dorf von Südnias: Bawömataluo („Sonnenhügel“). Man fährt mit Auto direkt bis zur berühmten Dorftreppe. Früher erreichte man Bawömataluo nur zu Fuß. Und dann erst, wenn man vom Hauptweg das unterhalb gelegene Dorf  Orahili („Bergtreppe“) durchquert hatte. Auch wenn nach dem steilen Anstieg der schöne Ausblick auf die Südwestküste von Nias immer entschädigte, verschnaufte man am Dorfeingang von Bawömataluo erst einmal, bevor man den großen Dorfplatz durchquerte.

Bawömataluo ist eine der Hauptattraktionen des niassischen Tourismus. Für zahlende Touris tanzen die ehemals gefürchteten Krieger, singen die Frauen den Maena und springen die jungen Männer über den zwei Meter hohen Sprungstein. Aber davon kann ein Dorf von mehreren tausend Menschen nicht leben. Auch der penetrante Verkauf von kleinem Kunsthandwerk ist keine allgemeine Lösung des Problems.                                                                                         

Aber mit Bawömataluo 2010 verbindet sich eine andere sehr persönliche Erinnerung: ich habe  2010 einen alten Freund wieder getroffen, den ich auch ca 35 Jahre nicht mehr gesehen hatte: Fama, alias Ama Yarni, der in seinen jungen Jahren mich auf so manchem  Fußmarsch in Nias begleitet hatte und später bei Br. Blasius ein fähiger und zuverlässiger Handwerker (Tukang) wurde. Beim  Bau der Grundschule SD Daya Baru in Lahewa 1972, war  er einer der wichtigen Leute. Jetzt aber fand ich in seinem Haus in Bawömataluo einen 57- jährigen todkranken Mann wieder, der seit zwei Jahren unter den Folgen eines Schlaganfalls leidet. Eine Unterhaltung war fast nicht möglich. Nur mit Mühe erkannte er Yuni und mich und war dann sehr gerührt von dem unerwarteten Besuch. Auch wenn mich dieses Wiedersehen sehr deprimierte, so bin ich doch dankbar, Fama/Ama Yarni noch einmal begegnet zu sein: Er ist in der Woche nach unserem Besuch gestorben, wie P. Johannes Hämmerle mir vor einigen Tagen schrieb. Der Tod wird eine Erlösung für ihn gewesen sein.

Über den Eindruck vom Surfer-Strand „Sorake-Beach“,  den wir dann nachmittags inspizierten, habe ich im obigen Artikel schon geschrieben. Bleibt jedoch festzuhalten, dass dieses Südnias ein wirklich attraktives Fleckchen Erde ist, das zu besuchen sich für alle lohnt, die über genügend Reiseerfahrung in tropischen Ländern verfügen und bereit sind, Abstriche beim gewohnten Reisekomfort in Kauf zu nehmen.

Beeindruckt war ich von der neuen Pfarrkirche Maria Bintang Laut“ - „Maria Meeresstern“, die in Anlehnung an den Stil der traditionellen Häuser von Südnias konzipiert wurde. Auch der Altarraum ist dem Inneren der süd-niassischen Großhäuser nachempfunden. Die Gemeinde ist stolz auf ihre neue Kirche. Man verzeihe mir aber nostalgische Gefühle: ich vermisse die schmucken Türme der alten Kirche, die einst ein Wahrzeichen der Bucht von Teluk Dalam waren.  Auch der herrliche Blick vom Kirchhügel hinunter auf die Bucht ist nicht mehr möglich: mächtig gewachsene Bäume versperren die Sicht.  

Auch die anläßlich des 2000- jährigen Jubiläums des Christentums  errichtete Monumental -figur eines segnenden Christus  in franziskanischer Kutte kann mich ob seiner kitschigen Naivität nicht begeistern.  Auch hier der Einfluß südeuropäischer Frömmigkeitsformen spürbar.  Ich sollte mich eigentlich nicht wundern: in allen katholischen Häusern  Indonesiens hängen religiöse Kalender, die von solchem Kunstgeschmack nur so strotzen. Über Geschmack läßt sich ja angeblich nicht streiten, aber es fehlen auch  ein bißchen die attraktiven Alternativen. Das muß zur Entschuldigung gesagt werden.  Kommt Zeit – kommt Kunst?  Wir wollen es hoffen.

Aber "Bintang Laut" war ja von jeher nicht wegen seiner Christusstatue berühmt, sondern wegen seiner Schulen und Internate, die es schon seit fünzig Jahren unter der Leitung der „Susters van der Liefde“ hier gibt. Die Schulgebäude waren zum großen Teil dem Erdbeben zum Opfer gefallen, sind aber  inzwischen aufgebaut worden, zweckmäßig und erdbebensicher und der Schulbetrieb ist längst schon wieder im vollem Gange. Scharen von Schülern in ihren Schuluniformen begegnen uns. Sie alle werden in wenigen Jahren Arbeit und ein Auskommen suchen. Ob sie das alle in Nias finden werden? Wahrscheinlich nicht. Sie werden wohl, wie schon so viele vor ihnen, ihr Glück woanders suchen müssen. Schon jetzt leben etwa 300 000 Niasser vor allem in den großen Städten in Sumatra und Java.

Dienstag, 9. März 2010

Zurück in Lahewa……

Die zweite und letzte Woche in Nias wollen wir einfach nur im Kreis der Familie verbringen, Zeit haben für das Treffen mit Freunden und Verwandten in Lahewa.  In Ama Rinis Haus ist fast wieder der Alltag eingekehrt. Aber nur fast, bzw. noch nicht.

Ama Rini und Ina Risna möchten ihre Freude über unseren Besuch mit allen erreichbaren Verwandten und Nachbarn teilen und haben zu einem gemeinsamen Essen und  Dankgebet (Fangandrö) eingeladen. Wir hatten eigentlich darauf bestanden, dass unser Besuch diesmal der Familie vor Ort keinen Stress verursachen sollte. Aber Yunis Geschwister fühlen sich erst wohl in ihrer Haut, wenn sie ihre Freude öffentlich gemacht haben. Wir sind wohl schon zu lange aus Nias weg, um diese Gefühle noch eins zu eins teilen zu können. Aber wat mud, dat mud! Den Spruch kennt man ja aus Germany!

 Es werden etwa 200 Gäste kommen - drunter geht’s nicht. Zwei Schweine müssen geschlachtet werden. Die sind schon gestern in einer Schubkarre  in den Hinterhof gefahren worden und zwar mitten durch Ina Rinis Wohnzimmer! Die Chefin bekommt die Krise: Die unsensiblen Schubkarrenfahrer müssen eine wortreiche Standpauke über sich ergehen lassen. Die nehmen das gelassen und sind froh, dass sie die Schweine so unproblematisch anliefern konnten. Für die muslimischen Nachbarn wird Halal-Essen beim Kiosk gegenüber bestellt. Ina Rini und Ina Risna haben ihre Küchenriege zusammengeholt und  den ganzen Dienstag Morgen geht es in der Küche zur Sache.  Aber zur angesagten Zeit ist alles bereit  und die Gäste sind fast vollzählig erschienen. 

Die Agenda solcher Einladungen folgt einem festen Schema – Erst das Essen, dann die Reden, die dem Anlaß erst das richtige Echo geben. Die Ama Rini und Ina Risna möchten sich bei allen Gästen bedanken für Freud und Leid, das sie in der letzten Zeit mit ihnen teilen durften.  Es gab ja nicht nur Trauriges wie  den Tod Ama Risnas, sondern auch Erfreuliches, wie Tians Studienabschluss, Rinis Verbeamtung im öffentlichen Dienst und Ama Rinis neue Aufgabe bei der Regionalregierung von Nordnias. Und jetzt akut der Besuch aus Deutschland. Pastor Silvester wird gebeten, Gottes Segen dafür zu erbitten,was er gerne tut. Nach den Reden der Nachbarn und Freunde, werde auch ich gebeten, ein paar Worte zu sagen. Mein Indonesisch und Niassisch ist für Reden nicht mehr ganz komplett, aber es reicht. Ich zitiere aus einem meiner biblischen Lieblingsautoren, dem Kohelet, die Stelle, in der uns Kohelet  klar zu machen versucht, dass alles auf der Welt seine Zeit hat, die Freude und das Leid, das Lachen und das Weinen, das Wiedersehen und die Trennung – die Spannung, die das Leben ausmacht. Und genau so wird es mit diesem Fest sein. Morgen hat der Alltag uns wieder, aber die Erinnerung an ein schönes gemeinsames Fest wird bleiben.  Sowohl bei den Gästen als auch bei den Gastgebern.

Und so war es denn auch. Die Gäste sind gegangen - ein bißchen erschöpft, aber hoch zufrieden mit dem Fest geniessen alle Beteiligten im Haus den restlichen Abend.  Ab Morgen ist aber dann wirklich Alltag, wenigstens für die meisten.

Ama Rini muß jetzt jeden Morgen mit dem Motorrad 30 km nach Lotu fahren. Im neu errichteten Kabupaten Nordnias werden die Resorts zugeschnitten. Da muss man vor Ort sein. Ina Rini, Lehrerin an der staatlichen Grundschule von Lahewa-Mitte muß sich bis Mittag um ihre Klasse kümmern. Ina Risna, Oberschwester in der staatlichen Poliklinik muß morgens nach ihren Patienten sehen. Hanes und Yesti sind bis Mittag in der Schule. Mittags gegen halb zwei sind dann fast alle wieder zurück und haben Hunger.

Da trifft es sich gut, dass Rini derzeit  im Hause ist. Sie ist Apothekerin und wartet noch immer auf die Zuweisung ihrer Arbeitsstelle in der Gesundheitsbehörde. Derzeit aber hat sie das Kommando in der Küche, wo jeden Tag  während unseres Besuchs für mindestens 14 Leute gekocht wird. Sie muß da nicht alleine arbeiten, es helfen noch die Mädchen aus Ina Risnas Haushalt mit. Und auch „Mama Talu“ Yuni hilft immer wieder bei den Vorbereitungen. Aber es herrscht trotz der vielen Arbeit ein lockeres Klima in Haus und Küche. Wir spüren es: alle freuen sich, dass wir da sind. Es gibt viel zu erzählen von Hoffnungen und Enttäuschungen. Rini hat einen Verehrer mit ernsthaften Absichten. Doch der hat leider keine Arbeit und kann sich wohl kaum trauen, offiziell um Rinis Hand anzuhalten. Da ist Liebeskummer vorprogrammiert.

Tian wäre eigentlich bereit zu heiraten, kann sich aber nicht entscheiden, für welche seiner Favoritinnen er, bzw. sein Vater,  sich ins Zeug legen soll. Erst ab Juni hat er voraussichtlich wieder einen Job, mit dem er genug Geld verdient, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.  2007 hatte er  in Medan sein Diplom als Tiefbauingenieur gemacht und dann sofort eine gut bezahlte Anstellung bei einer Firma bekommen, die den Straßenbau in Mittel- und Nordnias überwachte.  Zeit unseres Besuchs „arbeitet“ er für mich als Fahrer und „Tourmanager“ und bekommt seinen obolus aus der Reisekasse. So hat er wenigstens sein „Uang rokok“, Geld für Zigaretten, ein gelegentliches Bier und eine Extra-Portion Mie kuah im Kiosk gegenüber.  Er kennt Gott und die Welt in Nias und ist ein durchsetzungsfähiger Organisator, wenn er sich einen Reim auf die Situation gemacht hat. Aber Geld geht ihm flott aus der Hand und über  dessen Verwendung knirscht es gelegentlich zwischen Vater und Sohn.

Niko, der jüngste Sohn Ama & Ina Rinis, ist für ein paar Tage aus  Sibolga gekommen. Er in der 2. Klasse der SMA und lebt dort im Internat. Wir lernen einen hochaufgeschossenen 17–jährigen Jungen kennen, dem man den Lausbuben von 2006 fast nicht mehr anmerkt.  Er ist ein Schweiger geworden und hört lieber zu  als dass er redet, so scheint es. Natürlich genießt er die Tage der Freiheit zuhause und das gute Essen auf dem Familientisch. Aber er macht auch kein großes Trara, als er wieder nach Sibolga zurück muß. Zusammen mit einem Schulkameraden aus Tefa’ö begleiten wir ihn nach G. Sitoli, wo abends die Fähre nach Sibolga ablegt. Er soll ein guter Schüler sein und wird wohl in 2011 sein Abitur machen und danach auch studieren wollen. Was und wo, das weiß er noch nicht.

Ama Rini lädt uns ein, seine „Nose“ ( Feldhütte) zu besuchen, die am nördlichen Rand des neu erschlossenen Stadtteils von Lahewa liegt. Er hat dort auf einigen Hektar Land Hunderte Mahagoni-Bäumchen gepflanzt, die in späteren  Jahren einmal ein nicht zu unterschätzendes Kapital darstellen werden. Die „Nose- Hütte“ ist schon eher ein einfaches Landhaus, hinter dem sich ein größerer überdachter Schweinestall befindet, in dem sich etwa ein Dutzend munterer Borstentiere tummeln. Eine junge Familie, die auf dem Areal siedeln durfte, kümmert sich um die regelmäßige Versorgung der Tiere.   Aber auch Ama & Ina Rini  investieren einen erheblichen Teil ihrer freien Zeit in die Feldarbeit.  Und es tue ihrer Gesundheit gut, sagen sie.  In einigen Jahren wollen sie sich ganz auf diesen „Pondok Damai“, die „Hütte des Friedens“ zurückziehen.  Das Haus an der belebten Hauptstrasse von Lahewa soll Tian übernehmen, so die derzeitigen Gedankenspiele…

Tollwut in Nias

Hunde in Nias haben ein schönes Leben so lang sie klein und schnuckelig sind. Hanes spielt gern mit Klein-Blacky, der einmal ein aufmerksamer Wächter in Ama Rinis Nose werden soll. Seine Hundekarriere hängt aber jetzt nicht nur von seinen Rassequalitäten ab. Wenn er nicht bald geimpft werden kann, dann wird er wohl einer notwenigen Seuchenkampagnie zum Opfer fallen: In Nias breitet sich mit verheerender Geschwindigkeit die Tollwut aus. Inzwischen haben fast alle das Wort „Rabies“ schon gehört, denn es hat eine Reihe von Todesfällen bei Menschen gegeben. Der bekannteste davon ist der Tod des Chefs der Gesundheitsbehörde von Nordnias, der zum Familienkreis von Ama Agus gehörte. Alle, die ihn kannten – auch Ina Risna und ihre Kolleginnen – sind sehr betroffen. Auch er hatte einen kleinen Hund, der ihn vor drei Monaten beim Spielen gebissen hatte. Nun ist er eines elendiglichen Todes gestorben. Auch die Ärzte in Medan konnten nicht mehr helfen. 

Die Menschen sind beunruhigt. Und sofort sind auch die unqualifizierten religiösen Prediger auf der Kanzel, die  diese Seuche als Strafe Gottes für die sündigen Menschen deuten wollen. Der Laienprediger vom Sonntagsgottesdienst erklärte der  verdutzten Gemeinde, er sei der Überzeugung, dass Jesus persönlich den „Rabies-Hund“ nach Nias geschickt hätte, damit sich die Menschen bekehrten… Ich habe ihm nach dem Gottesdienst gehörig den theologischen Marsch geblasen… Die Pastöre müssen aufpassen, wen sie da sonntags auf die Kanzel klettern lassen.                                            

Donnerstag, 11. März 2010

„The night of Simaenaria“

Ich habe Hui (Robert Tan) eingeladen, den letzten in Lahewa lebenden Musiker der Band Simaenaria, um an diesem Abend mit ihm noch einmal gemeinsam die Lieder der Simaenaria durchzuhören. Alle noch existierenden Aufnahmen der Band  habe ich auf einem USB-Speicherstick mitgebracht. Tian hat sie auf seinen PC überspielt und lässt sie über seine Boxen laufen. Es dauert nicht lange und es finden sich weitere ehemalige Freunde und Fans der Simaenaria ein.                                                              

Sari und Guru Telau, sind gekommen, die viele Lieder noch lauthals  mitsingen können. Und sie haben Yurli Hulu mitgebracht,  einen jungen IT-Lehrer an der SMA, der niassische Popmusik der vergangenen Jahrzehnte sammelt und nun auch meine Aufnahmen auf seinen Laptop überspielt. Und während die Musik in unbeschwerter Lautstärke durch die Nacht tönt, werden auch eine Menge alter Band-Geschichten ausgegraben und erinnert -  und erst weit nach Mitternacht ist die Party zuende. Das Delikt  „Nächtliche Ruhestörung“ gibt es in Lahewa offensichtlich immer noch nicht… fast wie in alten Zeiten

                                                                                                                                                           Samstag, 13. März 2010

Zalukhu-Clan-Treffen und Erdbeben "Live"

Es ist Samstag Abend und es regnet in Strömen, eigentlich die willkommene Abkühlung nach einem drückend heißen Tag. Die ersten dicken Gewitterregen kündigen das Ende der Trockenzeit an.  Uns kommt das gerade nicht so zu pass, wir müssen nach Tureloto:  Die Zalukhus von Tureloto haben zu einem großen Treffen  im Haus von Ama Ame eingeladen. Gut, dass Autos auch bei Regen fahren können, sonst wäre die Veranstaltung wahrscheinlich ins Wasser gefallen.

Man hatte nämlich zwei Dinge vor: Ein Abschiedsessen mit uns, bevor wir wieder nach Deutschland reisten und zugleich die Veröffentlichung eines offiziellen Stammbaums der Zalukhu-Sippe von Tureloto. Ama Rika und Tian hatten einen ganzen Tag lang die Daten in den PC eingespeist und einen Ausdruck angefertigt, der der Versammlung vorgelegt werden sollte. Es gab auch noch einige Lücken in der Datenerfassung, die gemeinsam geschlossen werden sollten.

Zunächst aber ein frohes gemeinsames Essen auf den ausgebreiteten Matten im Gästeraum von Ama Ames Haus. Ein Schwein von passender Größe war geschlachtet und lecker zubereitet worden.  Das Haus ist voll. Wieder muß ich notieren, wie viele Gäste in niassischen Häusern in kurzer Zeit bewirtet werden können.  Natürlich steckt viel Planung und Arbeit dahinter und trotzdem scheut man keine Einladung, wenn einem die Gäste lieb und teuer sind. Nun, das sind wir, wir wissen es.

Nach dem Essen versammeln sich die Männer auf der Veranda vor dem Haus, um den vorgelegten Zalukhu-Stammbaum zu besprechen. Die meisten Frauen und Mädchen interessiert das weniger. Sie unterhalten sich in Küche und Gästeraum. Einige jedoch wollen hören, was es da in der Männerrunde zu besprechen gibt.

 Nach Ama Rikas Recherchen kam Ama Wera, der Stammvater aller hiesigen Zalukhus im Jahre 1873 aus Laowöwaga, einem Dorf im bergigen Hinterland von Nordnias, in das noch unerschlossene Küstenland von Tureloto. Er  begann dort mit dem Roden des Urwalds und dem Anlegen der ersten Kokosplantagen, die seinen Nachkommen über Jahrzehnte hinweg einen respektablen Wohlstand bescherten. Erst in der dritten Generation reichten die Kokosplantagen nicht mehr aus, um die Familien angemessen zu ernähren.  Heute kann sich keiner der Erben mehr vom  Verkauf von Kopra (Kokosfleisch) ernähren. Aber die Zalukhus haben inzwischen es anderweitig zu Rang und Wohlstand gebracht und sie wollen dabei ihre Ahnen an ihrer Seite wissen. Ohne den öffenlich gezeigten Respekt der Familie vor ihren Ahnen, fürchten die Niasser deren nachtragenden Unmut aus dem Jenseits: Kein Glück für die Anstrengungen der Lebenden ohne den Segen der Ahnen, so ihre Überzeugung.

Ama Rika wird gefragt, wieso er auch die Namen der Töchter im Stammbaum aufgeführt habe: nach niassischem Adat (Rechtstradition) seien nur die Söhne für den Stammbaum wichtig. Es gibt eine kleine Diskussion unter den Zalukhu-Männern. Auch ich werde um meine Meinung gebeten und weise daraufhin, dass ich, obwohl nicht zum Zalukhu-Clan gehörig und auch kein gebürtiger Niasser –  doch eine Meinung zu dem Problem habe:                                                                   

Ähnlich der niassischen Adat-Rechtstradition zählten in früheren Zeiten in Europa auch nur Söhne im Stammbaum, sage ich. Auch seien dort früher auch nur Söhne erbberechtigt gewesen. Die Zeiten hätten sich aber in Europa geändert und in Indonesien auch. Die Töchter betrachteten sich heute als gleichberechtigte Kinder ihrer Eltern neben ihren Brüdern. In Holland und England hätte es früher auch nur Könige gegeben, aber wie wir ja alle wüßten, regierten dort schon seit einiger Zeit bekannte Frauen als Königinnen.                                                                                                                                                                           Das Argument zwingt die Zalukhu-Männer zum Stirnrunzeln. Sie haben aber natürlich weiter das Problem, wer soll denn den Familiennamen erben, wenn nicht die Söhne? Ich gestehe zu, dass das auch ein Problem in Europa sei, das aber im gegenseitigen Einvernehmen gelöst werden könne.  Also entschließt man sich, die Namen der Töchter nicht aus dem Stammbaum zu streichen, aber die Linie der männlichen Nachkommen sei besonders kenntlich zu machen, da es ja um den Namen der Zalukhu-Sippe gehe.  Damit kann man vorerst zufrieden sein. Eine Runde Bintang Bier wird ausgegeben.

  Erdbeben  "live"

Es ist schon fast 22:00 Uhr. Noch immer regnet es in Strömen. Plötzlich ohne Vorwarnung passiert es: Ein gewaltiger horizontaler Ruck - die Hauspfosten und Wände wackeln ,Tische und Stühle kommen ins Rutschen. Ein vielstimmiger Schrei: „Gempa!“, „Erdbeben!“!  -  Ich habe im Reflex nach der halbleeren Bierflasche vor mir gegriffen, um zu verhindern, dass die aus dem Haus rennenden Leute in die Scherben der zerbrochenen Flasche treten. Denn alle versuchen, so schnell wie möglich aus dem Haus ins Freie zu kommen – Regen hin oder her. Die Erde zittert noch immer. Kommt der nächste Erdstoss noch oder beruhigt sich die Lage?  Das Beben wird weniger, fast nicht mehr spürbar. Eigentlich könnte man zur „Tagesordnung“ übergehen.  Aber da bin ich fast der einzige, der das meint, sich wieder hinsetzt und sein Bier austrinken möchte.

 Es zeigt sich: das Trauma des großen Erdbebens von 2005 ist nicht vergessen. Einige reagieren sehr verstört - man sieht es ihnen an. Sofort wird besorgt nach Lahewa, Gunung Sitoli und Teluk Dalam telefoniert, ob dort alles in Ordnung sei. Und von dort die Nachricht, dass man das Beben wohl gespürt, aber es längst nicht so schlimm empfunden habe.  Zunächst einmal Erleichterung. Aber mit gemütlichem Beisammensein ist es jetzt vorbei. Alle wollen nachhause, um daheim zu sein, falls noch ein Nachbeben kommen sollte. Nach einem so schönen Abend -  ein etwas eiliger Abschied. Schade!

Fast wird es auch eine unruhige Nacht, da immer wieder ein leichtes Zittern in der Erde zu spüren ist. Der Regen hat aufgehört. An Schlaf ist zunächst nicht zu denken - Erdbeben ist auch Gesprächsstoff.  Yuni möchte gar nicht in unserem Zimmer schlafen, sondern will mit den Mädchen auf dem Boden im vorderen Gästeraum schlafen: in voller Kleidung, die Handtasche im Arm und die Brille auf der Nase.  Nach Mitternacht kann ich sie dann doch überzeugen, dass man auf einem Bett im Nachthemd und ohne Brille besser schlafen könne. Das leichte Beben hat ganz aufgehört und es wird wird ruhiger im Haus. Aber in den Häusern gegenüber schlafen viele Leute auf der Veranda. Und der Rest der Nacht bleibt ruhig  - keine Nachbeben mehr.

Anderen Tags erfahren wir in den TV-Nachrichten, dass wir ein Erdbeben der Stärke 5,5 RS erlebt haben. Das wäre eigentlich nicht der Erwähnung wert gewesen, wenn nicht das Epizentrum des Bebens in ca 15 km Tiefe praktisch genau unter uns in Tureloto gewesen wäre.  Das erklärt auch die heftige Erschütterung, die wir am Abend erleben mußten.

 Montag, 15. März 2010

Abschied von Lahewa

Wir müssen Abschied nehmen von Lahewa. Immer wieder die Erfahrung: Scheiden tut weh. Immer dann, wenn es schön war. Aber wir haben auch das Gefühl, dass wir lange genug da waren und sind bereit für die Abreise. Yuni sehnt sich auch wieder nach kühleren Nachttemperaturen. Sie kann schlecht schlafen bei einer Temperatur von 30° und 95% Luftfeuchtigkeit. Am Ende der Trockenzeit ist die Stauhitze besonders unangenehm. Das geht auch den Leuten in Lahewa so. Vielleicht gibt es ja beim nächsten Besuch ein Zimmer mit AC… siehe Bemerkungen: Nias verändert sich!

Tian bringt uns mit dem Auto zum Fluplatz Binakha bei G.Sitoli. Wir haben die Mittagsmaschine nach Medan gebucht. Mitgekommen sind Ama & Ina Rini, Ina Risna, Ina Agus und auch Hanes, wollte dabei sein, obwohl ihm bei der Fahrt fast die Augen zufallen. Er hatte mit Tian, Rini und Rosa bis weit in die Nacht am PC gezockt. Ein Ausnahme-Abend - die Nacht vor unserer Abreise. Nach dem  gemeinsamen Abendessen die persönlichen Gespräche zum Abschied – unser Dank für die schönen Tage im Kreis der Geschwisterfamilien in Lahewa und das Versprechen, sich nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn uns jetzt wieder Tausende Kilometer trennen werden. Wir nehmen auch den Wunsch der Familie mit, dass Christof und Sebastian doch  wieder einmal nach Lahewa kommen sollten…wir werden das an die Adressaten weitergeben.

Abschied von Nias

Der Abflug verspätet sich. Ein defekter Reifen des Flugzeugs muss noch ausgetauscht werden. Außerdem ist  der Gouverneur von Nordsumatra zu Besuch in Nias. Er will mit dieser Maschine zurück nach Medan fliegen. Bevor er und sein Gefolge nicht kommen, werden wir nicht abfliegen.  Wir verabschieden uns von unseren Lieben, die ja noch zurück nach Lahewa müssen. Kurz danach ist es jedoch soweit. Der Gouverneur ist da und dem Abflug nach Medan steht nichts mehr im Wege. Nach einer Stunde sind wir in Medan. Ama Dewi hat aus Lahewa telefonisch seinen Chauffeur zum Flughafen bestellt, um uns abzuholen. Wir nehmen Quartier im Hotel Semarak, einem einfachen Hotel in der Jl. Sisingamangaraja.

Abschied von Indonesien

Wir werden zwei Nächte in Medan bleiben. Morgen treffen wir  uns  mit Chelsea, der Tochter  von Ama & Ina Fini, die in Medan zur Schule geht. Wir lernen ein  kluges und liebenswürdiges Mädchen kennen, das schon gelernt hat, alleine auf sich gestellt zurecht zu kommen. Sie wird Yuni beim Shopping in die entsprechenden Geschäfte begleiten und erweist sich als Insider in dem großen Textilbasar, in dem Yuni einkaufen will. Ich bleibe da lieber vor dem Geschäft, da ich als orang bule, als Weißer, möglicherweise die ausgehandelten Preise verderbe…         Es scheint alles gut gelaufen. Die beiden Damen strahlen, als sie den Bazar verlassen. Chelsea hat noch Nachmittagsunterricht und muß sich  von uns verabschieden. Auch für uns ist es der letzte Tag in Indonesien. Morgen geht es nach Kuala Lumpur. Selamat tinggal Indonesia!

 Alle Fotos zu „Nias und Familie“:                                                                           

                                                                                              
Kuala Lumpur


„KUL-City“ -  Die Vorzeigemetropole   
Donnerstag, 18. März 2010 

Viele Rückflugpassagiere haben in KUL das Problem langer Wartezeiten im Flughafen, da die meisten Flüge in Richtung Europa erst abends starten. Auch unser Rückflug mit Etihad Air nach Deutschland soll abends um 20:45 Uhr abgehen.  Deshalb hatten wir uns schon in Deutschland entschlossen, dieses Mal eine Übernachtung in KUL einzuplanen und eine längst überfällige Stadtbesichtigung zu machen.  So haben wir praktisch eineinhalb Tage Zeit für unsere Unternehmungen.                                                                                                     

Wir kamen mit Air-Asia am frühen Mittwoch-Nachmittag in KUL an und nehmen ein Taxi nach KUL-City. Vom „Air Asia Flughafen- LCCT“ aus ist das einfacher und für uns beide nicht so viel teurer als mit den öffentlichen Verkehrmitteln. Ja - aufgepasst, der Flughafen liegt ca 70km vom Stadt-Zentrum entfernt und man benötigt mindestens eine Stunde bis dorthin. Unsere schon per Internet gebuchte Bleibe, das „ Citrus Hotel“ liegt am nördlichen Rand der City - als gutes Vier-Sterne-Hotel für uns erschwinglich dank der Buchungsagentur „agoda“, die man für Asien-Reisen nur empfehlen kann. Keine andere kann preiswerter bei Vorausbuchungen im Internet….

Das „Citrus“ ist prima für einen Kurzstopp in KUL. Die Wege zu den Stationen der Stadtbahnen sind nicht weit. Man ist im Nu im Zentrum – die Beschäftigung mit den Linien der verschiedenen Stadtbahnen ist allerdings notwendig, sonst fährst du dahin, wohin du eventuell  nicht hin wolltest. Im Zentrum selbst kann man eigentlich alles zu Fuß machen. Und das machen wir auch.  An diesem Nachmittag haben wir uns entschieden, zunächst einmal den Fernsehturm von KUL zu besteigen.  Man sagt, von der Aussichtsplattform hat man bei gutem Wetter den besten Blick über die Stadt. Obwohl die neuen Wahrzeichen von KUL - die Petronas- Zwillingstürme höher sind und die Fahrstühle kostenfrei, ist der Ausblick vom Fersehturm besser.  Und so ist es auch: die  von der Nachmittagssonne beschienene Stadt bietet  mit ihren super-modernen Hochhäusern ein atemberaubendes Panorama – von oben.

Unten jedoch  kommt man sich als Fußgänger ein wenig verloren vor zwischen all den riesigen Towern, die in den letzten 15 Jahren  errichtet wurden. Alle großen Banken und Versicherungen haben hier ihre Bürotürme errichtet.   Auch die Logos von AXA und Allianz sind zu sehen. Asien boomt und die Global Player geben sich ein Stelldichein, auch in Kuala Lumpur.  Ein spezielles Flair will da allerdings nicht aufkommen, auch wenn die Stadt ungeheuer gepflegt und verwaltet wirkt. Zu viele Menschen, die jeden Tag nur zum Arbeiten in die Büros kommen und danach ganz schnell wieder in die Wohnbezirke nach außen verschwinden, so der flüchtige Eindruck. Der Unterschied zum prallen Leben einer Stadt wie Surabaya ist enorm. In KUL scheint sich das Leben unter eine schöne saubere Decke zurückgezogen zu haben und läßt sich nur gelegentlich sehen und fühlen. Ich weiß nicht, ob man Indonesien eine Zukunft  a la KUL-Malaysia wünschen soll. Bei aller Bewunderung fürdie Kunst der Stadtplaner und Architekten – bitte lieber nicht.

An den Rändern des City-Zentrums haben sich Reste des alten Kuala Lumpur erhalten. Auch einige Restaurants, die so gar nicht in das Ambiente von KUL’S  Future World passen.

Auch wir  haben Glück: in dem Strässchen hinter dem Citrus-Hotel eröffnet jeden Abend von 18:00 bis Mitternacht ein chinesisches Restaurant seine Küche.  Die kleine Seitenstrasse ist jetzt für den Verkehr gesperrt,  da  dort Tische und Stühle aufgestellt wurden. Wir sehen, dass viele chinesische Gäste extra hierher kommen, um zu essen. Wir tun das auch und bereuen es nicht: schon lange haben wir nicht mehr so gut und preiswert in einem  China-Restaurant gegessen.  Sehr zufrieden kehren wir zurück in unser Hotel. In der Nacht sind die hell erleuchteten Petronas Türme von überall zu sehen. Ein bißchen wie Kölner Dom an Feiertagen? Ja, und auch  in KUL sind beleuchtete Türme  in der Nacht wunderschön!

Den Besuch der Petronas-Türme haben wir uns für den folgenden Tag vorgenommen. Dieses  neue Wahrzeichen von Kuala Lumpur steht in einem ganzen Ensemble imposanter Bauten, die um einen großen Park angeordnet sind. Die Türme sind praktisch der Eingang dazu. Eine Fahrt auf die Aussichtsplattform versuchen wir erst gar nicht. Zu viele Besucher warten schon auf die Lifte.  Stattdessen kaufen wir uns ein Ticket für einen Besuch im Meeresaquarium, das im Kellergeschoß des benachbarten Kongresszentrums untergebracht ist und lassen uns  faszinieren von der bunten Fauna der tropischen Meere, die hier ganz nah zu sehen ist.

Alle Fotos zu „Kuala Lumpur“:                                                                                  

 

As Time goes bye….

Es wird Zeit für die Rückkehr ins Hotel und die Koffer zu packen. Nach mehr als sechs Wochen auf Reisen freuen wir uns auf zuhause. Dreizehn Stunden Flug liegen vor uns mit einem dreistündigen Zwischenstopp in Abu Dhabi. Alles okay und ohne Besonderheiten, sieht man einmal davon ab, dass diese irrwitzigen Sicherheitskontrollen beim Einchecken vor dem Abflug auch schon Alltag geworden sind. Ein paar Stunden später ist es schon Freitag  früh, kurz nach sechs Uhr, als wir in Frankfurt ankommen. Guten Morgen Deutschland! Es ist Gott sei Dank nicht so kalt, wie wir befürchteten. Wir erwischen einen ICE, der uns  ohne Umsteigen bis nach Aachen bringt und sind gegen 10:00 Uhr schon in Eschweiler. Das Zuhause präsentiert sich uns, als wären wir nie weg gewesen. Waren wir aber doch ….  Man kann das hier nachlesen.

Sampai jumpa lagi!

Klaus & Yuni

Eschweiler, 27. April 2010

 

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