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Indonesien zwischen Panca Sila und Scharia


Demonstration der FPI (Verteidigungsfront Islam) in Jakarta

Insulinde 1901 und Indonesia 2011

Folgendes Zitat stammt aus dem interessanten Reisebericht des deutschen Indonesien-Reisenden  Ernst Haeckel, der das Inselreich im Jahre 1901 besuchte.

„Dass das gegenwärtige  holländische Regierungssystem  in Insulinde, im Ganzen betrachtet, vortrefflich ist, und dass es in vieler Beziehung allen anderen Colonial-Regierungen, insbesondere auch der englischen und deutschen, als Muster empfohlen werden kann, darüber sind Wallace und die meisten neueren Reisenden einig. Das beste Zeugnis dafür ist der blühende Zustand von Java selbst, von ihrer reichsten und wichtigsten Colonie. Die Bevölkerung der Insel hat sich während des  19. Jahrhunderts um das Achtfache vermehrt, von 3 Millionen auf mehr als 24 Millionen. Die malaiische Bevölkerung erfreut sich inmitten ihrer paradiesischen Natur eines allgemeinen Wohlstandes und des höchsten Glückes, der  Zufriedenheit...... ………….                                                                                                                                                               In ihrer großen Mehrzahl sind die Malaien Bekenner des  I s l a m; aber der mohammedanische Kultus und Glauben, der uns hier entgegentritt, ist himmelweit von demjenigen, welchen wir im Orient, in der Türkei und Ägypten, in Algier und Marokko antreffen. Von dem bekannten Fanatismus dieser mediterranen Islambekenner ist in den meisten Gegenden von Insulinde kaum etwas zu spüren; ausgenommen sind nur diejenigen Bezirke, aus welchen öfter zahlreiche Pilger nach Mekka geschickt und dort von dem religiösen Wahnsinn der Araber angesteckt werden – so die Bewohner von Bantam in Westjava und von Lampong in Ostsumatra.“ Ernst Haeckel:  Malayische Reisebriefe (1901)–10. Kapitel

Das waren wahrlich andere Zeiten, als Ernst Haeckel, der weltbekannte deutsche Biologieprofessor,  im Jahre 1901 die holländische Kolonie Nederlands Indie bereiste.  Und ob sie für alle wirklich so gute Zeiten waren, darf bezweifelt werden. Dem heutigen Indonesien-Reisenden bietet sich  ein deutlich anderes Bild, das mit dem alten Insulinde nur noch wenig gemein hat. Die koloniale Epoche ging mit dem 2.Weltkrieg zu Ende und aus Nederlands Indie wurde Indonesia. Im „javanischen Paradies“ ist es inzwischen sehr eng geworden:   2011 leben in Java nicht mehr nur 23 Mio Menschen, sondern ca. 130 Mio!!!  Die ökonomischen und sozialen Probleme für einen Grossteil der  Bevölkerung sind riesig.

Und auch mit dem religiösen Frieden von 1901 ist es 2011 in machen Teilen Indonesiens nicht mehr gut bestellt. Ja, Indonesien wurde zum Schauplatz blutiger Terroranschläge islamistischer Jihadisten. Das grausame Bombenattentat auf eine Diskothek  in Bali von 2002 ist unvergessen. Das war aber nur das spektakulärste Ereignis einer ganzen Serie von Anschlägen, die sich gegen Symbole westlich-modernen Lebensstils  und gegen die christliche Minderheit in Indonesien  richtete.

Ist Indonesien  heute ein islamisches Land?

Wenn man die Berichte in den Medien von den Demonstrationen fanatischer Moslemgruppen sieht, dann könnte man es fast annehmen. Denn Islam ist „Thema“ im Indonesien von 2011 und die zunehmende Islamisierung des öffentlichen Lebens ist unübersehbar. Den Sturz des Suharto-Regimes 1998 schrieben sich islamische Aktionsgruppen als ihren Sieg auf ihre Fahnen und riefen die Ära der „Reformasi“ als Start für eine islamische Renaisance Indonesiens aus.

Überall im Lande werden neue Moscheen gebaut.  Millionen von Indonesiern tragen stolz das weiße Hadsch-Käppi der Mekka-Pilger. Zunehmend viele Frauen tragen den Jilbab oder den Tudung, den Kopftuchschleier. Tief beeindruckt von der großen Wallfahrt  fühlen sie sich einem islamischeren Lebenstil verpflichtet und sind empfänglich für die Ansichten aller möglichen  Prediger, die ihnen mit dem Koran in der Hand sagen, was ein wahrer Moslem zu tun und zu lassen habe. Und hier scheinen Ernst Haeckels Bebachtungen von 1901 auch noch 2011 aktuell zu sein. Wo sich der Islam in Indonesien  fanatisch intolerant gebärdet, dort hat er seine Verbindungen zu (saudi-) arabisch-ägytischen Initiativen: Muslimbrüder und Salafisten geben den Ton an.

Wohin sich  aber der Mainstream-Islam Indonesiens entwickeln wird, ist für Südost-Asien ähnlich belangreich, wie der Weg des türkischen Islam für den vorderen Orient. Mit etwa 220 Mio. Moslems ist  Indonesien das Land mit der größten moslemischen Bevölkerung der Erde und folgt zum überwiegenden Teil der sunnitischen Tradition. Aber Indonesien ist  kein islamischer Staat. Der Islam ist auch keine Staatsreligion, sondern nur eine, wenn auch die größte, der offiziell anerkannten Religionen in Indonesien, neben Hinduismus, Buddhismus, Christentum und Konfuzianismus. So steht es seit 1945 in der indonesischen Verfassung, die sich auf die Prinzipien der Staatsphilosophie Panca Sila stützt, in der der Glaube an Gott   als oberstes Verfassungsprinzip verlangt wird.

Die Verfassung schützt aber ausdrücklich die Vielfalt der religiösen Überzeugungen. Bhineka tunggal ika! „Einheit in Vielfalt“ steht sichtbar auf dem indonesischen Staatswappen. Die muslimischen Fanatiker in Indonesien kämpfen aber für eine Einheit unter islamischen Bedingungen. Das führte in der Vergangenheit und heute immer wieder zu lokalen Progromen und aggressiven Demonstrationen in Jakarta und anderen Großstädten.

Muss man denn heute als Indonesienbesucher Angst haben vor muslimischen Fanatikern? Nein!   Indonesier sind allgemein freundliche und höfliche Leute. Aber man muss als Besucher wissen, in welcher Region Indonesiens man sich befindet.    In bestimmten Gegenden Ost-, Mittel- und Westjavas, in Aceh oder Ostsumatra, in Süd- und Mittelsulawesi, haben islamistische Bewegungen eine alte Tradition und man beachte als  Besucher, dass   sich das tägliche Leben  dort en detail nach islamischen Regeln richtet und dort gelegentlich radikale Leute das Sagen haben.

Ein malaisches Sprichwort lautet: „Lain lubuk – lain ikan, lain daerah – lain adat.“  „Jeder Tümpel hat andere Fische,  jede Gegend andere Traditionen“.  Es gilt also genau hinzusehen. Zum Beispiel ist   in Aceh die Scharia eingeführt,  dagegen ist Bali sehr stolz auf seine hinduistische Tradition. Und auf  der Insel Flores, in Nias oder bei den Toba Batak  müsste sich eher die Moslem-Minderheit vor der christlichen Bevölkerungs-Mehrheit fürchten, wenn es zu Problemen käme.

Darul Islam und der säkuläre Staat

Aber unübersehbar ist auch,  wie  bestimmte muslimische  Gruppen versuchen, der gesamten indonesischen Öffentlichkeit zu suggerieren, dass einem strengeren Islam mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit  zustehe, als die multikulturelle Gesellschaft  des modernen Indonesien bis jetzt de facto  erlauben will. Salafistische Gruppierungen wie die Islamische Verteidigungsfront (FPI) oder die Partei für Gerechtigkeit und Wohlfahrt (PKS), die dem Ideengut der ägyptischen Muslimbrüder nahestehen, predigen offensiv einen fundamentalistischen Islam und fordern unverhohlen die Einführung der Scharia für ganz Indonesien.

Sie bilden de facto eine Minderheit, die bei den letzten Wahlen landesweit weniger als 10% der Stimmen auf sich vereinigen konnten, was sie aber nicht davon abhält, weiterhin  die Errichtung einer Islamischen Republik Indonesien zu fordern. Auch Indonesien ist ein Beispiel dafür, dass der harte Kern des konservativen Islam keinen Frieden mit einem säkulären Gesellschaftsmodell gemacht hat und unbeirrt  einen islamischen Staat für religiös geboten hält. Sogar die Idee eines Welt-Kalifats hat derzeit Konjunktur.

Schon bei der Gründung der Republik Indonesien 1945 waren bestimmte Gruppen  der Bevölkerung, die sich damals als „Darul Islam“ („Haus des Islam“) verstanden, mit dem zugewiesenen Status des Islam nicht einverstanden und kämpften dafür, Indonesien -  ähnlich wie später 1956 Pakistan – als einen islamischen Staat zu konstituieren, in dem die Syariat Islam (die Scharia) das gültige Gesellschaftsrecht sein sollte.  Die „Darul Islam“-Bewegung, die dann als Masyumi-Partei  politisch agierte, verwickelte die junge Republik  in einen blutigen Bürgerkrieg, der 1962 mit einer Niederlage des „Darul Islam“  und einem Verbot der Masyumi-Partei endete.  Der von Staatsgründer Sukarno propagierte säkulare Nationalstaat und seine Anhänger hatten gesiegt.  Aber die Erben und Nachkommen des „Darul Islam“ sind heute in der “ Jemaah Islamiya“ zu finden, der nachweislich  terroristische Aktionen zuzurechnen sind. (siehe: Peter Symons: Politische Wurzeln und Perspektiven der Jemaah Islamiya.)

Alhamdulillah – Allah sei Dank, der Mainstream des  indonesischen Islam war stolz auf eine eigene (tolerante!) Tradition und ließ sich nicht gerne von wahabitischen Ulamas  Saudi Arabiens oder den ägyptischen Muslimbrüdern  über den „wahren Islam“ belehren. (Siehe „Gus Dur“ und die Tradition der NU)

Aber seit dem Afghanistan-Krieg haben auch die jihadistischen Gruppen (die „Heiligen Krieger“ z.B. der Jemaah Islamiyah)   in Indonesien einigen Zulauf, vor allem  unter jüngeren Leuten, unvergessen das wahnwitzige Attentat auf die Diskothek in Bali im Oktober 2002 mit über 200 Toten. Ihr Mentor, der 72-jährige jihadistische Koranlehrer Abu Bakar Bashir hat es mit seinen Lehren („Allahkratie statt Demokratie“) bis in Schlagzeilen der Weltpresse geschafft und wurde  endlich 2011 in einem spektakulärem Prozess zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem ihm die aktive Vorbereitung der Attentate nachgewiesen werden konnte.  Es gibt auch  eine breite Ablehnung dieser Leute in der Bevölkerung, die diese Art von heiligem Krieg verabscheut.  Ein Taxifahrer, mit dem ich 2006 über diese Vorfälle sprach, sagte mir, er schäme sich, dass Indonesier und dazu noch Muslime so etwas getan hätten.

 Die blutigen Progrome   zwischen Moslems und Christen in Ambon und Zentral-Sulawesi 1998/99 waren ja keine Religionskriege im eigentlich Sinne, sondern politisch motivierte und instrumentalisierte Auseinandersetzungen zwischen indigener christlicher Bevölkerung und eingewanderten muslimischen Javanern sog. Transmigranten. Bestimmte Gruppierungen des indonesischen Geheimdienstes aus der Suharto-Truppe hatten ihre Hände im Spiel, das weiß man heute. Sie sorgten dafür, dass paramilitärische Einheiten  der Laskar Jihad und bewaffnete Schlägertrupps der FPI   dort den Heiligen Krieg zur Verteidigung des Islam ausprobierten, um dann bei Eingreifen des Militärs die Notwendigkeit des Militärs für die Sicherung des Landfriedens zu demonstrieren.

Wie auch immer: Schlimm genug, dass man diese Karte so ungehindert spielen konnte, und es ist eben nicht ausgemacht, dass man sie nicht wieder spielen kann, wenn es politisch nützlich erscheint. Es gibt genug sozialen und ethnischen Sprengstoff  im heutigen Indonesien, der  ganz leicht entzündbar ist. Der Wind hat sich derzeit etwas gedreht. Der Jihadismus ist offiziell geächtet und die Terrorzellen aus dem Umfeld von  Al Qaeda stehen auf der Fahndungsliste des indonesischen Geheimdienstes an oberster Stelle, nachdem auch Indizien für einen Plan zur Ermordung des Präsidenten S.B. Yhudoyono entdeckt wurden.  Das offizielle Indonesien distanziert sich ganz entschieden von dieser Spielart des  Islamismus.

Der Spagat zwischen Panca Sila und Scharia

Auf der anderen Seite versucht die Regierung der angeblichen „Forderung der Volksmassen“ nach einer verstärkten Islamisierung des öffentlichen Lebens betont nachzukommen. Die vier islamischen Parteien erreichten bei den Nationalwahlen 2009 zusammen nur etwa 25% der Stimmen, wurden aber als  Koalitionspartner notwendig für eine mehrheitsfähige Regierung  des Präsidenten S.B.Yudhoyono gebraucht. Sie stellen dort fast die Hälfte der Minister. Aus dieser Position heraus betreiben sie eine recht effektive Taktik für eine spürbare Islamisierung des öffentlichen Lebens, indem einfach per Anordnung im Bereich der Öffentlichkeit schariatische Vorstellungen durchgesetzt werden.

Der Justizminister erklärte, es gäbe eigentlich keinen Widerspruch zwischen Scharia und Verfassung. Seitdem haben Beamtinnen  in den Büros  den Jilbab, das Kopftuch, zu tragen – egal welcher Religion sie angehören. 2008 musste sich das Parlament   mit einer Gesetzesvorlage zu einem sog. „Antipornographie-Gesetz“ auseinander setzen, das unter anderem dem 230 Mio Volk vorschreibt, wie viel von Kopf, Armen und Beinen indonesischer Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen sein darf.  Das Gesetz hatte bei Verabschiedung so viele Ausnahmen, dass man sich die Prozedur hätte ersparen können. Aber zu diesem Themenkomplex gibt es ja angeblich detaillierte Aussagen des Propheten Mohammed und deswegen spielen seine Ansichten zu diesem Thema ja auch heutzutage – 1400 Jahre später noch eine parlamentarische Rolle.

Aber der Prophet wusste vermutlich z.B. noch nichts von der plärrenden Kraft moderner Gesangsverstärker, sonst hätte er bestimmt eine eindeutige Sure für konkurrierende Muezzin verfasst. Denn spätestens dort ist eine spürbare Islamisierung des öffentlichen Lebens  im Indonesien von 2011 vor allen Dingen unüberhörbar. Überall  in den Städten – und dort ganz unkoordiniert – der Islam kennt ja auch eine Reihe konkurrierender Denominationen – werden Moscheen oder kleinere Mushollas (Gebetshäuser)  errichtet,  zum Teil auch provokativ in Stadtvierteln mit geringem moslemischem Einwohneranteil.  Aber alle haben sich mit möglichst phonstarken Lautsprecheranlagen ausgerüstet, mit denen zu den täglichen Gebetszeiten in unbarmherziger Lautstärke zur Verehrung Gottes des Allbarmherzigen aufgerufen wird. Jeder Vorbeter versucht dabei den Konkurrenten von der Nachbarmoschee mit einer eigenen überlegenen Gesangsvariante zu übertrumpfen. Und alle scheinen das irgendwie für einen Sieg des Islam zu halten.

Es klingt aber wahrhaft wenig barmherzig, wenn man in  Moschee-Nähe wohnt und täglich um vier Uhr morgens mit dem ersten Gebetsruf aus dem Schlaf gerissen wird. Das zu den Gebetszeiten sich erhebende Stimmen-Tohuwabohu über den Städten Indonesiens  erinnert fatal an das Geheul der Luftangriffssirenen im Deutschland des 2.Weltkriegs.  Ein Gebetsaufruf als alarmierender Angriff auf die allgemeine Nachtruhe! Was ist das für ein Gott, der daran ein Wohlgefallen haben soll? Allahu akbar – Gott ist groß!

Wie aber überall auf der Welt: Im Namen Gottes glauben sich die lauthals Frommen zu lauthals unfrommen Dingen berechtigt. Wie lange wird es dauern, bis die muslimische  Zivilgesellschaft  Indonesiens eine Regulierung erforderlich  finden wird und die Muezzin zu einer menschenfreundlicheren  Lautsprecherpraxis verpflichtet? Auch wenn es ein wenig utopisch klingt:  Bitte nicht in all zu ferner Zukunft – Insyallah!

K.S. – 2011

Nb. Zum Thema: „Islam – Welt von heute“  siehe:  http://de.qantara.de/