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Indonesiens „Killing season“                                             bleibt auch nach 50 Jahren ein Rätsel

Von Hamish McDonald

Sukarno bei einer Rede ca.1946                                                                                   © Getty Images


Es war eine Nacht, wie sie in dem Film von 1982 „The Year of Living Dangerously“ zu sehen war - genauso wie es ein unbekümmerter Präsident angekündigt hatte, der Präsident eines Landes, das sich in freiem ökonomischen Absturz befand. Lastwagen voll mit Soldaten rumpelten durch die spärlich erleuchteten Straßen von Jakarta. Sechs Armeegeneräle wurden aus ihren Häusern verschleppt, drei davon getötet, weil sie sich wehrten und die anderen in einem Lager einer Gummiplantage exekutiert.

Was danach passierte, ist allen wohlbekannt, die mit Südostasien etwas vertraut sind. Das indonesische Militär bezichtigte die Kommunistische Partei Indonesiens, PKI, für das Ereignis verantwortlich zu sein und begann mit einer Säuberungskampagne, der bis zu einer Million PKI-Unterstützer zum Opfer fielen. Suharto, ein überlebender Armeegeneral, riss die Macht an sich in einer Weise, die der Politikwissenschaftler Harold Crouch einen „schleichenden Putsch“ nannte. Der entmachtete Unabhängigkeitsführer Sukarno überlebte und starb fünf Jahre später in Armut und unter Hausarrest.

Jetzt, 50 Jahre danach, bleiben Identität und Motive derer, die hinter der „30. September-Bewegung“ („G30S“ ist das indonesische Kürzel) zum größten Teil genauso undurchsichtig wie 1965. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf.

War es anstelle des „PKI- Putschversuches“ eventuell eine simple Armee-Meuterei? War es eine verdeckte Operation des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA oder Großbritanniens MI6? War es eine Falle von Leuten aus dem Umfeld Suhartos?

Dokumentarische Belege

Neuere Untersuchungen aus Peking liefern neue Erkenntnisse. 2008 öffnete das Chinesische Außenministerium seine diplomatischen Archive der Jahre 1961 bis 1965. Taomo Zhou, ein junger Wissenschaftler der Nanyang Technological University von Singapur untersuchte die Akten, bevor die Archive Mitte 2013 plötzlich wieder geschlossen wurden.

Zhou entdeckte ein Dokument, in dem folgende historische Detektiv-Story zu lesen war. Am 5. August 1965 ist der PKI-Generalsekretär Dipa Nusantara Aidit zu Besuch in Peking. Mit ihm eine kleine Parteidelegation, um sich mit dem Vorsitzenden Mao Zedong und anderen chinesischen Topleuten wie Zhou Enlai zu treffen.

Am Tag zuvor war Sukarno zusammengebrochen infolge eines Nierenversagens, das ihn später 1970 auch das Leben kosten sollte. Er wurde von einem Team chinesischer Ärzte aus Peking behandelt. Sie bekamen das Problem in den Griff und erklärten, dass keine akute Lebensgefahr mehr drohe. Tatsächlich hielt Sukarno zwei Wochen später seine weitschweifige Rede zum Unabhängigkeitstag am 17. August. Dabei signalisierte er auch, dass Jakarta im Chino-Sowjet-Streit sich auf die Seite Pekings schlagen würde, um der antiimperialistischen Achse Peking, Hanoi, Phnom Penh und Plönyang beizutreten. Auch kündigte er an, dass er Aidits Idee einer „Fünften Kraft“ von bewaffneten Arbeitern und Bauern unterstützen würde, um Militär und Polizei widerstehen zu können.



Sukarno während einer Pressekonferenz in Rom 1956 © Getty Images

Damals war Sukarnos lebensgefährliche Krankheit das beherrschende Thema im Bewusstsein aller Parteien in Indonesien. Die PKI ließ die Idee einer Revolution auf dem Lande nach chinesischem Muster fallen zugunsten der Beteiligung der Politiker in Jakarta, und sie gewann an Boden bis zu dem Punkt, an dem sie sich als das sich entwickelnde Kraftzentrum darstellte, das Sukarnos Nachfolge übernehmen konnte, wenn er die Bühne verlassen sollte.

Aber die Ablehnung dieser Entwicklung in der indonesischen Armee war unübersehbar: Die Generäle erinnerten sich genau an den revolutionären Aufstand der PKI in Madiun 1948, als die gerade errichtete Indonesische Republik um die Befreiung von der Holländischen Kolonialherrschaft kämpfte. Jahrelang waren Armee-Offiziere auf die US amerikanischen Militärakademien für „Zivilangelegenheiten“ gegangen, um sich auf die Übernahme der Macht aus den Händen der zunehmend inkompetenten Politiker und Bürokraten vorzubereiten.
Nachdem Mao Zedong Zhou Enlai‘s Bericht über Sukarnos Gesundheitszustand angehört hatte, kam er direkt zur Sache: “Ich denke, Indonesiens rechter Flügel ist entschlossen, die Macht zu übernehmen. Seid ihr auch entschlossen?“ fragte er Aidit.

„Wenn Sukarno stirbt, wird die Frage lauten, wer die Oberhand gewinnt“ erwiderte Aidit, bevor er zwei Szenarien erläuterte: Sowohl ein direkter Angriff auf die PKI als auch ein Bemühen der Militärs, Sukarnos politischen Balanceakt zwischen Nationalisten, Kommunisten und religiösen Parteien fortzusetzen, würde sich für die PKI als „schwierig“ erweisen.
„Für das erste Szenario planen wir ein Militärkomitee zu errichten,“ fuhr Aidit fort. „Die Mehrheit dieses Komitees würde dem linken Flügel angehören, aber es sollten auch Leute aus der Mitte daran beteiligt werden. Auf diese Weise würden wir unsere Gegner verwirren… wenn wir nur unsere rote Fahne zeigen, werden sie uns sofort bekämpfen.“

Dieses Szenario entspricht dem Vorgehen des Revolutionskomitees, das am 30. September 1965 bekannt gegeben wurde von Oberstleutnant Untung, dem naiv patriotischen Kommandeur der Palastgarde des Präsidenten, um, wie er sagte, einem geplanten Putsch eines „Kreises von Generälen“ am bevorstehenden Tag der Streitkräfte am 5. Oktober zuvorzukommen, für den schon große Truppeneinheiten und Waffen für eine große Parade in Stadt gebracht worden seien.

Wie der amerikanische Wissenschaftler John Roosa 2006 in seinem Buch „Vorwand für einen Massenmord“ enthüllte, stand Untung in enger Verbindung mit einem PKI-Funktionär mit Namen Kamaruzaman oder „Sjam“, der in Armeekreisen als Spion arbeitete - mit direktem Kontakt zu Aidit.

Das Mao-Aidit Papier unterstützt Roosa’s Szenario, dass Aidit und Sjam fast im Alleingang die G30S-Atacke als einen verdeckten Präventivschlag lancierten, um die Balance in der Führung der Armee zu kippen. Den Rest des Zentralkomitees ließ man über den Plan im Dunkeln, genau wie die Millionen Parteikader und Mitglieder. Die versprochenen chinesischen Waffen für die „Fünfte Kraft“ waren noch nicht angekommen. Bevor es losging, gab es für einen Putsch in der PKI-Zeitung nur sehr spärlichen Beifall.

Möglicherweise war es auch nicht beabsichtigt, die Generäle umzubringen, sondern sie als elende Verräter Sukarnos zu präsentieren. Aber drei davon waren schon bei ihrer Festnahme getötet worden, während es dem Verteidigungsminister General A.H. Nasution gelungen war, zu entkommen. Die Entscheidung, auch die anderen zu töten, war eine panische Improvisation.

Wie auch immer, die Morde waren alles, was die Armee brauchte, um G30S als ein weiteres Beispiel für den Landesverrat der PKI anzuprangern, entsprechend den Ereignissen in Madiun 1948. Indonesische Armeepropagandisten und ein Team von MI6-Agenten, das später in jenem Jahr in Singapur stationiert wurde, entwarfen eine Story mit entsetzlichen Details für diese Morde. Die US-Botschaft versorgte die Armee mit einer Liste von tausenden von PKI-Kadern als Zielpersonen.

Als Suharto die Zügel fest in der Hand hatte, schickte er eine Kolonne der Special Forces unter Oberst Sarwo Edhie Wibowo in die Hochburgen der PKI-Unterstützer, eine Aktion, die die Gefangennahme und Hinrichtung von Aidit mit einschloss. Morde säumten den Weg dieser Kolonne: Zentraljava in der dritten Oktoberwoche, Ostjava im November und Bali im Dezember, als muslimische Gruppen und andere Traditionalisten auf die PKI-Mitglieder losgingen, sie zu Massenhinrichtungen verschleppten, Nacht für Nacht… bis die Flüsse von Leichen verstopft waren.

Geschichte damals und heute

Die Behauptung, dass die PKI komplett in die Mordaktion eingeweiht war, wurde später durch Suhartos „Orde baru“ (Neue Ordnung)-Regime verbreitet und wird so bis heute in indonesischen Schulen gelehrt. Abdurrahman Wahid, einer der Post-Suharto- Präsidenten, versuchte sich in den späten 1990-er Jahren bei den Opfern zu entschuldigen, wurde aber von der Muslim-Organisation abgelehnt, deren Vorsitzender er einst war. Der Tatort Lubang Buaya (Krokodilsloch) in Jakarta, wo die Leichen der sechs ermordeten Generäle und eines Adjutanten in einem Brunnen versteckt worden waren, ist eine nationale Pilgerstätte, komplettiert durch ein „Museum des PKI-Verrats“.

„Man hat sehr viel für die Plausibilität dieser Theorie investiert,“ bemerkte der Historiker Robert Cribb auf einer Konferenz im September mit dem Thema des Putsches von 1965, die vom Australian Institute of International Affairs an der Australian National University in Canberra veranstaltet worden war.

Aber Gegentheorien sorgen weiter für Wirbel. Cribb vergleicht G30S mit „Rashomon“, dem Kurosawa-Film, dessen Charaktere widersprüchliche Versionen desselben Ereignisses erzählen. Die zentrale Frage aber ist: Warum handelten Aidit und Sjam? Hatten sie einen echten Putschplan der Armee entdeckt, der vor der Durchführung stand? Oder sollten sie fälschlicherweise glauben, dass es einen solchen gab, mit Sjam, der entweder diese Desinformation schluckte oder als Doppelagent für die Armee agierte?

In beiden Szenarien bleibt es ein Rätsel, warum so viele Top-Generäle überrumpelt wurden. Warum war Suharto, der Kommandeur der schnellen Eingreiftruppe und Chef der Konfrontasi-Kampagne gegen das gerade gebildete Malaysia, nicht auf der Todesliste? Warum reagierte er so gelassen, als in der Nacht davor Oberst Abdul Latief, ein anderer Offizier, ihn warnte, dass etwas im Gange sei? Die Tatsache, dass die G30S-Führer alle aus Zentraljava, Suhartos früherem Kommando, abgezogen waren, lässt manche Historiker vermuten, dass das Ganze eine „agent-provocateure-operation“ war, die von Suhartos eigenen Agenten inszeniert worden war.

Suharto war Anti-Kommunist, hatte aber im Unterschied zu den ermordeten Generälen nicht in den US Militärakademien studiert, und wurde von Jakartas kosmopolitischer Elite als Außenseiter betrachtet. Die OPSUS-Einheit (Special Operations), die Suhartos Kommando unterstellt war, hatte längst heimliche Verbindungen zu den Briten aufgenommen und ihnen versichert, das in Sachen Konfrontasi (gegen Malaysia) nur symbolische Aktionen unternommen würden.

Das Echo auf 1965

Die Rolle von OPSUS 10 Jahre später beim sich entzündenden Bürgerkrieg im damaligen Portugiesisch Timor war dem og. Szenario unheimlich ähnlich. Der damalige OPSUS-Chef Oberst Aloysius Soegijanto überredete die konservative Timorese Democratic Union einen präventiven Putsch zu inszenieren, um der drohenden Machtübernahme durch die Linkspartei Fretilin zuvorzukommen. Wie auch in Indonesien nach G30S war der Ausgang der Sache sehr ungewiss. Im darauf folgenden Konflikt gewann die Fretilin ein Übergewicht, aber Suharto bekam dadurch die Entschuldigung für eine Intervention und die Zustimmung der Westmächte.

Das bleibt aber nur Vermutung. Suhartos frühere Vertraute blieben eisern bei der offiziellen Version, sogar nach dem Ende seiner Herrschaft im Jahre 1998 und auch nach seinem Tod 2008. Die CIA- und MI6-Archive sind verschlossen, so dass man bis heute nicht weiß, ob diese Dienste in die G30S-Ereignisse involviert waren, oder ob es eine Geheimoperation von OPSUS oder der Armee war.

Die Westmächte waren glücklich, eine Story serviert zu bekommen, dass ein „kommunistischer Putschversuch“ automatisch eine mörderische Raserei ausgelöst habe, weil die PKI ja früher schon soziale Spannungen erzeugt hatte durch ihre atheistische Propaganda und die Pläne zur Landreform. Time Magazine feierte die Vernichtung der PKI als „best news“ aus Südostasien seit langer Zeit. Der australische Premierminister Harold Holt erklärte: „ Mit der Ausschaltung von 500000 bis zu einer Million kommunistischer Sympathisanten, kann man mit Sicherheit sagen, dass eine „Neuausrichtung“ stattgefunden habe.“

Indonesiens „Neuausrichtung“ war sicherlich ausschlaggebender für Südostasien als der Vietnamkrieg. Wäre Sukarno an der Macht geblieben, anstatt allmählich durch die Armee entmachtet und 1967durch die Vernichtung der PKI sein Amt hatte niederlegen müssen, hätte Indonesien wahrscheinlich eine erheblich andere Richtung genommen. Wie der junge Wissenschaftler Zhou auch in den Peking-Archiven entdeckte, redeten die Chinesen nicht nur über die Lieferung von „Kleinwaffen“ für die „Fünfte Kraft“, sondern auch über Plutonium und Atombomben-Knowhow. Suharto führte Indonesien zurück auf den Weg wirtschaftlichen Wachstums und der Verringerung der Armut.

Neuere Dokumentationen durch den Filmemacher Joshua Oppenheimer mit „The act of Killing“ und „The look of silence“, haben eine emotionale Debatte innerhalb und außerhalb Indonesiens hervorgerufen über die menschlichen Kosten dieses Umbruchs, während die PKI-Überlebenden bis heute immer noch Anfeindung und Ablehnung erfahren.
Der ANU-Kanzler und frühere australische Außenminister Gareth Evans sagte auf der September-Konferenz, dass der indonesische Massenmord der einzige dieses Ausmaßes sei, der für die Wahrheitsfindung und einen Versöhnungsprozess nicht vor einen internationalen Untersuchungsausschuss gekommen sei. „Es ist der am wenigsten überprüfte und am wenigsten bekannte politische Genozid des vergangenen Jahrhunderts,“ sagte Evans. „Den Schleier darüber zu lüften, ist wirklich seit langem überfällig.“
2012 publizierte das indonesische Magazin Tempo eine umfangreiche Untersuchung mit vielen Details von den Massakern, einschließlich der Geständnisse von einigen Tätern. Aber auch seine Schlüsse bleiben so unklar wie die anderer Analysten über das Rätsel des G30S.

Die Nachfolgeregierungen der Suharto-Ära in Jakarta verweigern sich weiterhin dem Gedanken einer offiziellen Überprüfung. Die Archive zu dieser Sache in Washington und London bleiben verschlossen. Zu viel wurde in die Post-1965 Indonesien-Story investiert, so scheint es. Es könnte sich als wahr herausstellen, dass eine anfängliche Verleumdungskampagne zu dem Massenmord führte.



Hamish McDonald ist der Autor zweier Bücher über Indonesien und Journalist am Australian National University’s College of Asia & the Pazific.


© http://asia.nikkei.com/Viewpoints/Perspectives/Indonesia-s-killing-season-remains-a-mystery-50-years-on